P R E S S E S C H A U
Stuttgarter Zeitung 14.04.2000, S.21
Am Profit orientierte Mediziner? ÄrztestreitVon Silke Schieber
Dem Wohle der Kranken diene es, wenn sich niedergelassene Ärzte in Praxisnetzen zusammenschlössen. Das erklären die Initiatoren solcher Verbindungen bei jeder Gelegenheit. Dementsprechend ähnlich klingen die Versprechen der beiden Konkurrenzunternehmen an die Patienten: keine Doppeluntersuchungen, schnellere Kommunikation, effektivere Versorgung, Qualitätskontrolle und besser fortgebildete Mediziner.
Ob die Ziele erreicht werden, ist nicht sicher. Skeptisch sehen das unter anderem Verbraucherschützer. Sie kritisieren, dass Ärztenetze die für Patienten ohnehin schwer zu durchschauenden Strukturen im Gesundheitswesen noch unübersichtlicher machen.
Zudem entsteht immer mehr der Eindruck, dass Ärztenetze hauptsächlich die finanzielle Gesundung der Mediziner sicherstellen sollen. Der neue Verbund Medeon hat bei seiner Auftaktveranstaltung gleich deutlich gemacht, wie wichtig Gewinne für ihn sind (siehe Bericht auf dieser Seite). Neue Märkte wie beispielsweise individuelle Gesundheitsleistungen wurden so oft erwähnt, dass der Eindruck entsteht, dieses Ärzteunternehmen wolle vor allem gutbetuchte Selbstzahler in die Wartezimmer locken - zum Beispiel mit teuren Hormonbehandlungen gegen Alterserscheinungen.
Es ist offensichtlich, dass sich das Modell Medeon an amerikanischen Strukturen wie denen von privaten Ärzteorganisationen orientiert. Kassenpatienten, zumal wenn sie chronisch krank sind, können schon auf den Gedanken kommen, künftig nicht mehr so gerne in den Praxen der profitorientierten Mediziner gesehen zu werden. Zwar versicherten die Gründer der Netzwerke, sie hielten es für unethisch, über höhere Beiträge für Menschen mit "schlechten Risiken" auch nur nachzudenken. Aber in vielen Bereichen der Medizin hat sich gezeigt, wie schnell sich Ethik wandelt, wenn sich die Verhältnisse ändern. Die finanziellen Bedingungen werden sich schnell ändern, wenn beide Netze bleiben. Dann sind die Krankenkassen in der Position, die Ärzte gegeneinander ausspielen zu können. Und dass es beim Einkauf von Leistungen um die Qualität und nicht um den günstigsten Preis geht, kann bei der Dauerdiskussion über steigende Kosten im Gesundheitswesen niemand ernsthaft glauben. Ärztenetz konkurriert jetzt mit ÄrztenetzNeue Gruppe will mit Kassen verhandeln - Medi-Sprecher: Keine Zusammenarbeit mit Medeon
Gestern ist ein neues Ärztenetz namens Medeon in Leinfelden-Echterdingen gestartet. Die Managementgesellschaft Medeon GmbH will einen landesweiten Mediziner-Verbund aufbauen. Initiatoren des bereits aktiven Praxisverbundes Medi reagierten heftig.
Renate Wiesner-Bornstein, Frauenärztin und Beirätin der neu gegründeten Medeon GmbH mit Sitz in Stuttgart, betonte auf der Pressekonferenz in Leinfelden vor allem die Einzigartigkeit des Modells. Es sei als ‚‚Ärzteunternehmen für Kostenträger attraktiv’’ und werde den Medizinern zudem auch "neue Marktgebiete erschließen".
Wiesner-Bornstein unterstrich dabei die Unterschiede zu dem bereits existierenden Verbund Medi. "Bei uns sind keine öffentlich-rechtlichen Gesellschaften wie Kassenärztliche Vereinigungen Mitglied. Wir streben keine Monopolstrukturen an", erklärte sie. Stattdessen setze die Gesellschaft, eine Tochter der ärztlichen Genossenschaft Genogyn-Genomed, auf "Dienstleistungen, die das Interesse der Patienten in den Mittelpunkt stellen" und auf "eine schlanke und flexible Struktur". Ziel sei unter anderem, "wichtigster Anbieter integrierter Versorgung" für die Patienten zu werden. Das heißt konkret, an den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vorbei Verträge mit einzelnen Kassen abzuschließen. Auch sollen über Fortbildung oder Qualitätsmanagement "Gewinne erzielt werden". Diese sollen aber nicht an alle teilnehmenden Ärzte verteilt, sondern über die Genogyn-Genomed ausgeschüttet werden.
Heftig reagierte gestern die Vertragsärztliche Vereinigung Nord-Württemberg. In einer Pressemitteilung mit der Überschrift "Medeon vor der Auflösung" schrieb der stellvertretende Vorsitzende Michael Oertel unter anderem, eine Eröffnungsveranstaltung von Medeon sei mangels Teilnehmern ausgefallen und Mitglieder der Genogyn-Genomed rechneten damit, dass die Genossenschaft für 1999 keinen Bonus ausschütte.
Norbert Metke, als Zweiter Vorsitzender der KV Nord-Württemberg für den Praxisverbund Medi zuständig, erklärte dagegen, er sehe die ganze Angelegenheit "ziemlich cool". Mit insgesamt 2812 Mitgliedern, knapp 70 Prozent der Kassenärzte in der Region, sei Medi das größte und am schnellsten wachsende Netz, das "es mit allen Konkurrenten aufnimmt". Eine Zusammenarbeit mit Medeon käme nicht in Frage, weil beide Verbünde "politisch nicht vereinbare Grundausrichtungen" hätten: "Da Medeon die Verhandlungen mit den Kassen selbst führen will, strebt es eine Spaltung der Ärzte an." Medi habe dagegen die Verhandlungskompetenz an die KV abgegeben, um die Interessen aller Ärzte zu vertreten. Auch ließ Metke durchblicken, Medi liege von der technischen Entwicklung her weit vorn: "Wir haben die Schnittstelle erreicht, die alle Praxiscomputersysteme kompatibel macht." Etwa 15 Prozent der Medi-Ärzte seien bereits elektronisch vernetzt. In zwei bis drei Wochen beginne ein Modellversuch, bei dem 30 Praxen auf diese Weise Arztbriefe verschicken.
Als Partner hat das neue Ärzteunternehmen bereits das Stuttgarter Fraunhofer Institut als Innovationszentrum für Gesundheitsmanagement gewonnen, mit dem eine Umfrage bei Vertragsärzten über Erwartungen an Ärztenetze läuft. Ergebnisse lägen laut Wiesner-Bornstein Ende Mai vor, doch die "bereits jetzt große Resonanz stimmt uns positiv". Etwa 250 Ärzte hätten sich gemeldet, die in Projekten zum Aufbau mitarbeiten wollten. Weiterhin verhandele Medeon mit Sponsoren aus der Wirtschaft, sei aber auch gegenüber der KV offen für Gespräche.
Eine Geschäftsstelle soll Mitte des Jahres in Stuttgart eröffnet werden. Auch eine Fortbildungsveranstaltung mit der Euromed-Akademie in Fürth sei geplant. Ansonsten aber war wenig zur konkreten Ausgestaltung des Verbundes zu erfahren. Weder Mitgliederzahlen noch die Höhe der Beiträge oder genaue Verträge für die Ärzte stünden bisher fest. © 2000 Stuttgarter Zeitung online. Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Zeitung online.
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