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P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Nachrichten 15.01.2000

Ein Macher drängt an die Ärzte-Spitze

Werner Baumgärtner aus Stuttgart will Deutschlands Kassenmediziner führen

Stuttgart - "Ich bin ein großer Freund nicht nur der Worte, sondern auch der Taten." Selbstbewusst präsentiert sich seit Jahren der Chef der nordwürttembergischen Kassenärzte.

VON HANS-DIETER WESSBECHER

Werner Baumgärtner ist ein Mann, der keine Konflikte scheut, weder hinter den Kulissen noch in der Öffentlichkeit. Er will etwas bewegen, seine Ämter "natürlich machtvoll" ausüben. Daraus macht der 48-jährige Allgemeinmediziner kein Hehl. Sein ganzes Engagement weist klar in eine Richtung: Der Stuttgarter Ärztefunktionär fühlt sich zu Höherem berufen. Nicht von ungefähr nimmt er deshalb einen neuen Anlauf, um den Posten des Cheflobbyisten der Kassenärzte zu erobern.

Das versuchte er schon einmal, 1997. Damals strebte Baumgärtner an, Bundesvize zu werden, scheiterte aber nach einer aggressiven Rede gegen den damaligen Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Winfried Schorre, denkbar knapp. Daraus zog er seine Lehren: "Man kann nur antreten, wenn man die Mehrheit der Kollegen hinter sich weiß."

Ob das der Fall sein wird, zeigt sich erst bei der außerordentlichen KBV-Vertreterversammlung am Samstag. Nachdem Schorre aus familiären Gründen Anfang Dezember überraschend sein Amt niederlegte, müssen nun 110 Delegierte aus den regionalen Vereinigungen einen neuen Ärztechef wählen - und zugleich Farbe zu bekenne, was den künftigen Politik-Stil der KBV angeht. Zwar kann Baumgärtner wohl damit rechnen, dass schon die Vertreter aus mindestens fünf der 23 regionalen Vereinigungen - Nordbaden, Südbaden, Bayern, Sachsen und Schleswig-Holstein - seinen harten Kurs gegenüber der Gesundheitspolitik von Rot-Grün mittragen. Dennoch lässt er sich eine Hintertür offen: Seine Kandidatur knüpft er an die Bedingung, dass der gesamte Bundesvorstand zurücktritt, damit der KBV einen Neuanfang starten kann.

Baumgärtner zählte zu den schärfsten Kritikern von Schorre. Der habe sich von der Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer über den Tisch ziehen lassen, wetterte Baumgärtner zuletzt. "Wir haben keine Vorsorge getroffen gegen die Zerstörung der Kassenärztlichen Vereinigungen" hält er dem Bundesvorstand vor. Denn nach den Plänen von Rot-Grün könnten Krankenkassen an der KBV vorbei direkt Verträge, so genannte Einkaufsmodelle, mit Krankenhäusern, Pharmafirmen und Ärzten abschließen - und letztlich die Ärzteschaft gegeneinander ausspielen. Er wird deshalb nicht müde, davor zu warnen, dass dadurch die in den vergangenen 50 Jahren aufgebaute flächendeckende ärztliche Versorgung der Bevölkerung gefährdet sei.

Falls nicht noch ein weiterer Kandidat, vielleicht der bayerische Kassenärzte-Chef Lothar Wittek, den Hut in den Ring wirft, hat Baumgärtner nur einen ernsthaften Gegner: den Berliner Urologen Manfred Richter-Reichhelm. Der 57-Jährige gehört der KBV-Spitze seit 1997 an und gilt als Wunschkandidat des Vorstandes. Er steht nämlich für Kontinuität und für einen gemäßigten Kurs gegenüber der Bundesregierung. Aber gerade an dieser Haltung erhitzen sich seit Monaten die Gemüter der Kritiker. Der schwelende Richtungskampf innerhalb der Ärzte-Lobby droht wieder aufzubrechen.

Das dürfte so richtig nach dem Geschmack des Stuttgarter Ärztevertreters sein. Denn kampferprobt ist er allemal. Nicht nur im Organisieren von Ärztestreiks gegen die Politik des Bundes - wie etwa zu Seehofers Zeiten oder jetzt gegen Fischer. Als Herausforderer - erstmals in der Geschichte der nordwürttembergischen Ärztevereinigung - schlug Baumgärtner 1997 den damaligen Kassenarztchef Wolfgang Mohr aus dem Feld und trat machtvoll auf das Lobbyisten-Parkett.

Damals wie heute fordert er eine stärkere politische Aktivität seiner Kollegen - und macht es ihnen zugleich vor. Baumgärtner hat das CDU-Parteibuch in der Tasche. Außerdem versuchte er bereits in Stuttgart, sowohl für ein Landtagsmandat als auch ein Bundestagsmandat nominiert zu werden - jedoch ohne Erfolg. Sein Tanz auf vielen Hochzeiten setzt den Polit-Macher im Weißkittel, der zudem in der Mittelstandsvereinigung der Bundes-CDU für die Gesundheitspolitik verantwortlich ist, immer wieder dem Vorwurf aus, er instrumentalisiere die kassenärztliche Vereinigung für seine politischen Zwecke.

 

Hier gelangen Sie zum MEDI-Report Nr. 5 vom 08.09.1999 mit einer kritischen Betrachtung, die das bedenkliche Machtstreben von Dr. Werner Baumgärtner analysiert.

Einen weiteren Kommentar unter dem Titel " 'Kultur' der Selbstzerstörung" vom 15.10.1999 lesen Sie
hier in der Rubrik "Das Thema".

 

© 2000 Stuttgarter Nachrichten online.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Nachrichten online.

 
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