P R E S S E S C H A U Stuttgarter Nachrichten 09.12.1999 "Machtkampf auf dem Rücken der Kranken"Expertendiskussion der Verbraucherzentrale: Sind Ärztenetze ein Gewinn für die Patienten?Sie heißen Medi, Medion oder Verbund freier Praxen. Überall knüpfen Ärzte an Praxisnetzen. Verstrickt sich der Patient darin, oder bieten sie ihm mehr Sicherheit? Bei einer Gesprächsrunde fragt die Verbraucherzentrale danach, was die Netze dem Patienten bringen. Möglicherweise nicht viel. VON KLAUS EICHMÜLLER Fragt man die verantwortlichen Netzknüpfer nach ihren Zielen, dann reden sie gern auch vom Mehrwert für die Patienten. Dr. Renate Wiesner-Bornstein, die als Vorstandsmitglied der 600 Mitglieder umfassenden Ärztegenossenschaft Genogyn-Genomed zur Zeit das Netz Medion als privatwirtschaftliches Ärzteunternehmen vorbereitet, formuliert es so: "Wir wollen mehr Effizienz, mehr Qualität, mehr Kommunikation, mehr Transparenz." Ähnlich klingt es bei Dr. Norbert Metke, dem Geschäftsführer des inzwischen etwa 2600 Mitglieder zählenden Netzes Medi. Unter anderem sollen die ärztliche Präsenz verbessert, die Leitfunktion der Hausärzte gestärkt, Mängel beim Informationsfluss beseitigt und Doppeluntersuchungen vermieden werden. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg e.V. indes warnt. Sie "sieht die Verbesserung der Patientenversorgung als plakatives Argument missbraucht, hinter dem sich berufsständische und wirtschaftliche Interessen der Mediziner verbergen". Nach Ansicht von Dr. Julia Nill von der Verbraucherzentrale ist ein Ärztenetz nicht notwendigerweise Bestandteil medizinischer Qualitätssicherung, zumal "eine unabhängige Kontrolle im Interesse des Patienten fehlt". Zudem fürchtet sie, dass durch die Ärztenetze "kartellähnliche Strukturen auf Leistungsanbieterseite" entstehen. Außerdem könnten nach Ansicht von Julia Nill schon jetzt Doppeluntersuchungen vermieden, Arztbriefe schneller geschickt und die ambulante Versorgung besser mit der stationären verzahnt werden. Auch Ursula Marx, Stadträtin der Grünen, meldet Vorbehalte an. Zwar wolle die Politik Netze als integrierte Versorgungssysteme, "aber keine solche Massenveranstaltungen, wie sie uns hier in Stuttgart angeboten werden". Auch der Patient verlange überschaubare Netze, er wolle nicht in der Anonymität versinken. Gleichzeitig zweifelt Ursula Marx die von den Netzen versprochene Kostenersparnis und Datensicherheit an. Helga Vetter, Stadträtin der CDU, deutet die aktuelle Diskussion um die Ärztenetze als Teil eines Machtkampfes zwischen Kassen und Ärzten, "der auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird". Roger Jaeckle vom Verband der Angestelltenkrankenkassen warnt vor einem gefährlichen Trend der Ökonomisierung des Gesundheitswesens und einer Aufspaltung der Versicherten in Gesunde und Kranke. "Für mich steht mittelfristig der Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen auf dem Prüfstand." Andererseits sei angesichts 3000 junger Ärzte, die pro Jahr neu ins Gesundheitssystem drängen, zu fragen, ob die herkömmliche Einzelpraxis überhaupt noch eine Überlebenschance habe.
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