Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Ärztliche Praxis - Neurologie Psychiatrie 11 / 1999   Klick zum Original-Scan
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PRAXISNETZE

Denver-Clan am Neckar

Stuttgarter Psychotherapeut macht mobil gegen MEDI-Verbundsystem

"Auch in berufs- und honorarpolitisch schwierigen Zeiten gibt es eine Grenze der Demütigung, die zu überschreiten meine Selbstachtung als Ärztin nicht zuläßt." Mit diesen Worten erklärt die Neurologin Dr. Carmen Heerdegen ihren Austritt aus dem baden-württembergischen MEDI-Praxisverbundsystem. Ihre Position findet sich auf der Internet-Seite von Dietmar G. Luchmann. Auf seiner Website wettert der Stuttgarter Psychotherapeut gegen das Verbundsystem und vor allem gegen seinen Macher Dr. Werner Baumgärtner.

Wer im Internet die Adresse www.medi-s.de* anklickt, findet dort nicht die Homepage des nordwürttembergischen MEDI-Praxisverbundsystems. Nein, hier trifft der Surfer auf die MEDI-S-Reports eines entschiedenen Verbund-Gegners, des Stuttgarter Psychotherapeuten Dietmar G. Luchmann. Ziel seines Zorns, der in Zeitungsartikeln, Vertragsteilen, Briefen von Kollegen und kritischen Kommentaren seinen Ausdruck findet: MEDI-Initiator Dr. med. Werner Baumgärtner und dessen Stellvertreter Dr. Norbert Metke sowie deren Konzept. Als kostenloses Schmankerl gibt es eine Vignette als Download, mit der Ärzte nach außen dokumentieren können, daß sie dem MEDI-Verbund nicht angehören.

Racheakt übers Internet

Am Anfang von Luchmanns Internet-Aktivität steht ein Rausschmiß: Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg sowie der Vertragsärztlichen Vereinigung (VV) Baumgärtner warf den Psychotherapeuten im Juni bei der ersten MEDI-Gesellschafterversammlung aus dem Saal. Berufspolitische Ambitionen habe er nicht, versicherte Luchmann, der neben seiner Praxis das Systemhaus ABARIS leitet.

Wenn er über das Internet eine Gegenöffentlichkeit schafft, handelt es sich eher um eine Art Racheakt: "Wenn Baumgärtner von Offenheit spricht, wo er Herrschaft versteht, und mit einer Gesprächseinladung einen Rauswurf meint, dann kann ich eine sachliche und differenzierte Position zum Pro und Kontra des MEDI-S-Praxisnetzes für Kollegen und die Öffentlichkeit leider nur ins Internet stellen."

Das MEDI-Verbundsystem ist Baumgärtners Antwort auf das drohende Einkaufsmodell der Krankenkassen. Wenn die KV ihren Sicherstellungsauftrag verlieren sollte, könnte der Verbund die Interessen der niedergelassenen Ärzte bündeln und als neue Verhandlungsmacht den Kassen gegenübertreten.

Die Teilnahme ist freiwillig. Die Ärzte müssen aber gleichzeitig Mitglied der VV oder einer VV-Arbeitsgemeinschaft sein. Die Zahl der Teilnehmer ist "unbestimmt"; der Verbund behält sich vor, keine Ärzte mehr aufzunehmen, wenn dies "aus Gründen der strukturellen Balance" zwischen Haus- und Fachärzten oder Fachdisziplinen erforderlich scheint oder wenn durch neue Ärzte keine qualitative Verbesserung der Versorgung zu erwarten wäre. Die Ärzte-Gesellschafter bilden die MEDI GbR, eine Binnengesellschaft, die nicht nach außen in Erscheinung tritt. Ihre Geschäfte besorgt die MEDI GmbH, deren Gesellschafter die VV (80 Prozent) und die KV (20 Prozent) sind. Die Ärzte-Gesellschafter haben nur eingeschränkte Mitwirkungsrechte.

Risiko: Honorarverteilung ist nicht geregelt

Von "unterentwickelten" Rechten spricht das Rechtsgutachten einer Stuttgarter Anwalts-Sozietät. Der Zweckverband freier Ärzte Rems-Murr und die Vertragsärztliche Initiative Main-Tauber haben es in Auftrag gegeben. Die Juristen sehen zahlreiche Risiken für die beitretenden Ärzte, unter anderem nicht absehbare finanzielle Auswirkungen und eine nicht geregelte Honorarverteilung.

Einen ersten Austritt hat es bereits gegeben: Die Stuttgarter Neurologin und Psychotherapeutin Dr. med. Carmen Heerdegen hat nach sechs Monaten dem MEDI-Verbund Adieu gesagt. Sie sei tief enttäuscht über das Unvermögen des MEDI-Vorstands, schreibt sie, "die berechtigten Einzelinteressen in der Ärzteschaft kollegial und sachgerecht zusammenzuführen...".

Persönliche Rechte werden beschnitten

Auf Distanz sind auch der NAV-Virchowbund und der BDA-Landesverband Baden-Württemberg gegangen sowie die konkurrierende GenoGyn-GenoMed-Genossenschaft von Ärzten aus Stuttgart. BDA-Landesvorsitzender Dr. med. Manfred Schmid rät den Kollegen "unter den derzeitigen Verträgen" ab, MEDI beizutreten. Er sieht in ihnen schwerwiegende Mängel und für den Vertragsunterzeichner gravierende Einschränkungen seiner persönlichen Rechte.

Kritiker Luchmann kommentiert das Ganze: "Wenn die Krankenkassen eines Tages mit tüchtigen Ärzten individuelle Verträge machen wollten, könnten sie es einfach haben: Jenes Drittel der Stuttgarter Ärzteschaft, das sich von Baumgärtners und Metkes Horrorszenario aus Angst, allein nicht gut genug für den Gesundheitsmarkt zu sein, in den MEDI-S-Topf hat ziehen lassen, wird dort ... bis in das Jahr 2003 schmoren dürfen, während die Krankenkassen mit den tüchtigen Ärzten, die ihr eigenständiges Denken und ärztliches Handeln nicht einem Kartell überantwortet haben, ihre Verträge abschließen können." Klaus Schmidt

 

Und ein Blick auf das Original
Ärztliche Praxis - NeurologiePsychiatrie 11/99, S.11

* www.medi-s.de (seit dem 15.10.1999 www.medi-report.de)

 

© 1999 Ärztliche Praxis - NeurologiePsychiatrie der Reed Elsevier Deutschland GmbH .
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Ärztliche Praxis.