Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Nachrichten 16.09.1999

Praxisnetz beim Start unter Druck

Medi-S mit 468 Mitgliedern - Hausärzteverband: ¸¸Kontrolle von unten fehlt''

In vielen Arztpraxen in Stuttgart bekommen die Patienten von heute an neben dem Rezept auch die Broschüre ¸¸Gesund im Verbund'' überreicht. Das Praxisnetz Medi-S verspricht darin eine ¸¸neue Qualität in der Behandlung''. Derweil hält die vielstimmige Kritik am neuen Praxisverbund an.

VON KLAUS EICHMÜLLER

Nach Esslingen, wo Medi-ES im Juli startete, hat jetzt Medi-S die Arbeit aufgenommen. Zehn weitere Praxisverbünde in Nordwürttemberg werden folgen. ¸¸Mit inzwischen 1500 Mitgliedern sind wir zurzeit das mit Abstand größte Praxisnetz in Deutschland'', sagt Dr. Norbert Metke, der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg (KV), stolz.

In Stuttgart hat Medi-S unter den 820 niedergelassenen Ärzten inzwischen 468 Mitglieder. In diesem Netz sollen die beteiligten Mediziner eng kommunizieren. Doppeluntersuchungen würden vermieden, die Therapie sei aus einem Guss, beschreibt Metke die Vorteile. ¸¸Medi-S gibt den Patienten eine völlig neue Versorgungssicherheit.''

Doch vieles ist noch Zukunftsmusik. Medi-S startet mit kleinen Schritten. Zunächst garantiert der Praxisverbund eine haus- und fachärztliche Versorgung von Montag bis Freitag zwischen 8 und 19 Uhr. Patienten können auf dem Anrufbeantworter ihres Arztes dessen Vertreter abfragen. Zweite Neuerung ist ein obligatorischer Überweisungsbegleitbrief. Dieses schriftliche Informationssystem soll möglichst rasch durch eine EDV-Vernetzung der Praxen ersetzt werden. Bis Jahresende wird, so die Planung, ein entsprechendes Pilotprojekt eingerichtet. Mit Hilfe einer im Zentralcomputer abgespeicherten Patientenakte soll die Behandlung der Kranken verbessert werden. Zweifeln an der Datensicherheit tritt der KV-Vorsitzende Dr. Werner Baumgärtner entgegen. ¸¸Ich denke, der Datenschutz wird sogar verbessert.'' Zugriff zur zentralen Akte hat der Arzt nur, wenn der Kranke per Chipkarte sein Einverständnis erklärt.

Mit dem Praxisverbund wollen die Ärzte auf eine mögliche Gesetzesänderung reagieren, die vorsieht, dass künftig die Krankenkassen nur noch mit Ärzteverbünden das Budget aushandeln. Vertraglich sei ¸¸Medi-S eine große dezentrale Praxisgemeinschaft'', sagt Baumgärtner.

An der Vertragsgestaltung allerdings gibt es Kritik. So hat inzwischen nicht nur die Ärztegenossenschaft Genogyn, in der knapp 600 Mitglieder in Baden-Württemberg organisiert sind, wegen ungeklärter Vertragsfragen von der Medi-Mitgliedschaft dringend abgeraten. Dr. Manfred Schmid, der Landesvorsitzende des Hausärzteverbands (BDA), warnt seine Kollegen sogar davor, mit dem Autogramm unter einen Medi-Vertrag die eigene ¸¸Entrechtungserklärung'' zu unterschreiben. ¸¸Die Rechte der Einzelmitglieder dort halte ich für zu gering, eine Kontrolle von unten nach oben ist nicht gegeben'', sagt Schmid mit Blick auf die Tatsache, dass Baumgärtner sowohl Chef der KV wie der Vertragsärztlichen Vereinigung ist, die beide allein den Praxisverbund tragen.

Die Neurologin Dr. Carmen Heerdegen, die einst als siebtes Mitglied dem Praxisverbund beitrat, hat inzwischen Medi-S wieder verlassen, nicht ohne dabei herbe Kritik an Baumgärtners Organisation zu üben. Zitat: ¸¸Selbst gutwillige Kollegen können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei Ihrem Medi-Verbund um den Versuch handelt, den vorhandenen Abhängigkeiten eine noch viel schlimmere hinzuzufügen.''

 

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