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Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Zeitung 16.09.1999

Gibt es demnächst zwei Ärztenetze in der Region ?

Medis-Ärzte beginnen mit erweitertem Präsenzdienst - Genossenschaft Genogyn arbeitet an Verträgen für unabhängigen Verbund

Von Freitag an organisieren Mitglieder des Ärzteverbunds Medis in Stuttgart einen erweiterten Präsenzdienst - das ist die erste Veränderung für Patienten. Doch die Kritik an Medis reißt nicht ab. Eine Ärztegenossenschaft arbeitet an einem eigenen Verbund.

Von Silke Schieber

Gestern Abend ist der Ärzteverbund Medis (wir haben darüber berichtet) gestartet. 468der etwa 820 niedergelassenen Ärzte in Stuttgart seien bisher beigetreten, sagt Norbert Metke, zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nord-Württemberg, der für das Projekt zuständig ist. Ähnliche Gesellschaften entwickeln sich auch in Böblingen, Göppingen, Ludwigsburg; in der Region zähle man an die 1500 Mitglieder.

Doch das Projekt der KV und der Vertragsärztlichen Vereinigung (VV) könnte nicht das einzige Ärztenetz in Nord-Württemberg bleiben. ¸¸Wir sind gerade dabei, Verträge für einen unabhängigen Verbund auszuarbeiten'', sagt Renate Wiesner-Bornstein, die Vorstandsmitglied der Ärztegenossenschaft Genogyn-Genomed ist. Dieses Netz werde sich grundsätzlich von dem Medis-Konzept unterscheiden und ¸¸modern, wirtschaftlich, unabhängig und dienstleistungsorientiert'' sein. An der Organisation von Medis missfällt Wiesner-Bornstein, dass ¸¸andere Meinungen nicht gehört und Kritikern auf Gesellschafterversammlungen das Wort entzogen'' würde.

Ähnliche Vorwürfe äußerte der Vorsitzende des Landesverbands der Allgemeinmediziner, Manfred Schmid, sowie eine Stuttgarter Nervenärztin, die mittlerweile ausgetreten ist und ihre Gründe dafür im Internet darlegt. Zudem fühlten sich manche Ärzte durch Medis bevormundet, so Wiesner-Bornstein, ¸¸mit Unterzeichnung des Vertrags treten sie ihr Mitbestimmungsrecht über Qualitätskontrolle oder die Verteilung der Finanzen ab''.

Er könne diese Kritik nicht nachvollziehen, sagt hingegen Norbert Metke. ¸¸Sowohl Strukturen als auch die Verträge von Medis sind sehr demokratisch'', betont er. Nach intensiver Diskussion mit zahlreichen Ärzten seien mehr als 70 Veränderungsvorschläge in die Verträge eingearbeitet worden. Geleitet werde die Gesellschaft von einem zwölfköpfigen Ärztegremium, das die Mitglieder wählen. Für die einzelnen Regionalverbünde seien ebenfalls zwölf Sprecher vorgesehen.

Trotz der Diskussionen ändert sich durch Medis von morgen an auch etwas für Patienten. Ein erweiterter Präsenzdienst niedergelassener Ärzte soll es Kranken einfacher machen, in Notfällen auch am Freitag- oder Mittwochnachmittag eine offene Praxis in der Nähe zu finden. In jedem der fünf Medis-Sektoren Stuttgarts versehen zwei Allgemeinmediziner oder Internisten sowie ein Unfallchirurg oder Orthopäde Dienst. ¸¸Ärzte, die Mitglieder von Medis sind, werden einen Anrufbeantworter geschaltet haben, über den die Patienten deren Telefonnummern erfahren'', erklärt Metke. Medis werde, so verspricht Metke, ¸¸Patienten eine nie gekannte Versorgungssicherheit geben''.

Auch die Kommunikation unter Medizinern verändert sich - freilich erst mal auf dem Papier: Medis-Ärzte heften von nun an ein Begleitformular an den Überweisungsschein, auf dem Befunde wichtiger Voruntersuchungen aufgeführt sind. In den Praxen wird Informationsmaterial ausliegen, in dem für Medis geworben wird. Und Arztbriefe, Labor- oder Befundblätter können demnächst per E-Mail verschickt werden. Die elektronische Verbindung der Praxen werde kontinuierlich ausgebaut, berichtete Rainer Herrmann, der Projektleiter EDV-Vernetzung im Medis-Verbund ist. Zum Jahresende starte nach Genehmigung durch die Datenschutzbeauftragten des Landes ein Feldversuch mit elektronischen Patientenakten. Die Krankengeschichten sollen zentral gespeichert werden, damit andere behandelnde Ärzte bei Bedarf schnell darauf zugreifen können.

¸¸Die Daten sind durch einen doppelten Schlüssel gesichert, ähnlich wie ein Schweizer Banksafe'', berichtete Herrmann. Chipkarte von Arzt und Patient seien notwenig, um Zugang zu bekommen. Zudem würden Akten nur nach Zustimmung der Betroffenen angelegt. Für Notfälle, zum Beispiel, wenn ein Patient bewusstlos sei, solle es aber auch ein Passwort geben. ¸¸Der Patient bleibt Herr seiner Daten'', betonte Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender der KV Nordwürttemberg. Das unterscheide Medis von den Plänen der Bundesregierung, die es Krankenkassen ermöglichten, Patientendaten mit Namen zentral zu speichern.

 

© 1999 Stuttgarter Zeitung online.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Zeitung online.

 
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