P R E S S E S C H A U Stuttgarter Zeitung 15.09.1999 Trotz Kritik: 500 Mediziner knüpfen ÄrztenetzNeue Wege der Zusammenarbeit zwischen Praxen - Andere Medizinerverbände sehen MängelEnde März haben Stuttgarter Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung Nord-Württemberg die Gesellschaft Medis gegründet. Heute wird das Ärztenetz seine Arbeit aufnehmen. Doch im Vorfeld kam Kritik auch aus den eigenen Reihen der Mediziner. Von Silke Schieber Bundesweit einmalig ist das Stuttgarter Modell Medis keineswegs. Auch in Berlin, Hamburg oder Heilbronn schließen sich niedergelassene Ärzte in Praxisnetzen zusammen. Der Hintergrund des Aufbruchs zur Kooperation ist ein politischer. Da die Gesetzesentwürfe des Bundesgesundheitsministeriums vorsehen, dass Krankenkassen in Zukunft unabhängig von der ärztlichen Selbstverwaltung Verträge mit einzelnen Ärzten oder Krankenhäusern abschließen können, erhoffen sich die niedergelassene Mediziner durch Zusammenschlüsse eine stärkere Verhandlungsposition. Heute soll die Arbeit der Gesellschaft praktisch beginnen. Mittlerweile gehören ihr knapp 500 Mediziner - etwa die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in Stuttgart - an. Zunächst ist die Vernetzung von 20 Praxen sowie ein erweiterter Bereitschaftsdienst für alle ärztlichen Fachrichtungen vorgesehen. Für die Patienten bringe das Konzept viele Vorteile, erklärt Norbert Metke, der als zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung für Medis zuständig ist. Die Behandlung verbessere sich, da Ärzte Ergebnisse früherer Untersuchungen sofort elektronisch abrufen könnten. Dies beschleunige die Versorgung und mache sie wirtschaftlicher, da Doppeluntersuchungen vermieden werden. Eingerichtet werden soll durch Medis eine Koordinationsstelle, bei der Kranken häusliche Pflege oder Physiotherapeuten vermittelt werden. Auch werde die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern eine bessere Übersicht über freie Betten oder Spezialgebiete der Kliniken bieten. Zudem wollen die Mediziner Qualitätszirkel gründen, sich auf Therapieleitlinien festlegen, fächerübergreifende Ärztehäuser fördern oder teure Spezialgeräte gemeinsam nutzen. Seitdem die KV Anfang des Jahres mit dem Medis-Konzept an die Öffentlichkeit gegangen ist, wurden aber einige kritische Stimmen laut - in den vergangenen Wochen auch aus den Reihen der niedergelassenen Ärzteschaft. Die Ärztegenossenschaft Geno-Gyn und der Landesverband des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) rieten ihren Mitgliedern davon ab, Medis beizutreten. Die Verbundidee sei zwar grundsätzlich richtig, betonten sowohl Vorstandsmitglieder der Geno-Gyn wie Renate Wiesner-Bornstein oder der Landesvorsitzende des BDA Manfred Schmid. Doch sehen sie Mängel in der Umsetzung. So würden unter anderem auf den Vertreterversammlungen kritische Stimmen zu wenig gehört, die Verträge schränkten die persönlichen Rechte der einzelnen Ärzte zu stark ein. Mit Unbehagen sehen manche Mediziner auch eine starke Machtkonzentration bei Medis. Das Netz wird getragen von der KV und der Vertragsärztlichen Vereinigung (VV) Nord-Württemberg; den Vorsitz beider Verbände hat Werner Baumgärtner inne. Bei der Stadt hat Medis in der Anfangsphase Unwillen hervorgerufen, da die Organisatoren zunächst nur mit vier Kliniken - darunter Marienhospital und Robert-Bosch-Krankenhaus - über eine Zusammenarbeit verhandelt hatten. Daher befürchteten andere Kliniken, dass daran beteiligte Ärzte ihre Patienten in Zukunft verstärkt oder ausschließlich in Verbundkliniken einweisen würden. Im August haben sich die 21 Kliniken in Stuttgart geeinigt, durch den Verband der Stuttgarter Krankenanstalten als Verhandlungsführer gleiche Vertragsbedingungen für alle Häuser mit Medis ausarbeiten zu lassen.
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