Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Zeitung 02.09.1999

Ärzteverbund steht erneut in der Kritik

Genossenschaft hat Mitglieder aufgerufen, Medi-S nicht beizutreten - Bald zweites Netz?

Unter den niedergelassenen Ärzten gibt es erneut Streit um das geplante Verbundsystem Medi-S: Jetzt hat die Ärztegenossenschaft Geno-Gyn die Mitglieder aufgefordert, dem Verbund nicht beizutreten. Kreativität und Eigeninitiative seien nicht erwünscht.

Von Thomas Faltin

Die Ärztegenossenschaft ¸¸Geno-Gyn - Geno-Med e.G." hat nach eigenen Angaben rund 600 Mitglieder in Baden-Württemberg; beim überwiegenden Teil der Mitglieder handelt es sich um Gynäkologen, doch ist die Genossenschaft seit einiger Zeit für Ärzte aller Fachrichtungen geöffnet. Wichtigstes Ziel des Verbundes ist es, die wirtschaftliche Effizienz der Praxen ihrer Mitglieder zu steigern.

Deshalb sehen die Vorstandsmitglieder der Geno-Gyn, die Ärzte Renate Wiesner-Bornstein (Tamm, Kreis Ludwigsburg) und Gerhard Schmid (Gerlingen, Kreis Ludwigsburg), die Konzeption von Medi-S im Grundsatz als richtig an - denn auch Medi-S hat das Ziel, für die teilnehmenden Ärzte eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber Politik und Krankenkassen zu erkämpfen.

Dennoch liegen die Vertragsärztliche Vereinigung (VV) und die Kassenärztliche Vereinigung Nordwürttemberg (KV) als hauptsächliche Organisatoren von Medi-S seit einigen Wochen mit der Geno-Gyn im Streit. Renate Wiesner-Bornstein kritisiert an Medi-S vor allem drei Punkte. Erstens seien die Konstruktion und die Verträge des Medi-Systems nicht dazu angetan, die ¸¸Kreativität, den Ideenreichtum und die Eigeninitiative'' der teilnehmenden Ärzte zu fördern. Die Genossenschaft hat vielmehr den Eindruck, dass die Leitlinien von Medi-S zu sehr von oben herab diktiert worden seien. ¸¸Man kann bevormundende Elemente erkennen'', so Renate Wiesner-Bornstein.

Irritierend sei für den Vorstand der Genossenschaft zweitens, dass Medi-S schon in dieser frühen Phase der Gründung ¸¸ein rigides Vorgehen gegenüber Außenstehenden'' erkennen lasse. Mit Kritikern, zu denen sich die Geno-Gyn nunmehr zählt, werde viel zu wenig geredet. So habe Norbert Metke, der bei der KV maßgeblich für Medi-S verantwortlich ist, ein Gespräch mit Geno-Gyn am 8.September ohne Angabe einleuchtender Gründe abgesagt. Drittens schließlich befürchtet Renate Wiesner-Bornstein bei Medi-S eine zu starke Machtkonzentration. Denn das Verbundsystem werde zu 80 Prozent von der VV und zu 20 Prozent von der KV getragen. Beiden Verbünden stehe aber mit Werner Baumgärtner ein und dieselbe Person vor. ¸¸Medi-S ist deshalb wesentlich auf eine Person konzentriert'', kritisiert die Geno-Gyn-Vorsitzende.

Norbert Metke hat diese Vorwürfe gegenüber der StZ zurückgewiesen. Die Differenzen mit der Geno-Gyn seien entstanden, weil die Genossenschaft die Einzelinteressen der Gynäkologen nicht ausreichend berücksichtigt sehe - Medi-S verstehe sich aber als Interessenvertretung für alle Ärzte. Der Gesprächstermin sei nur abgesagt worden, um ein ¸¸atmosphärisches Zeichen'' zu setzen: Denn die Geno-Gyn habe ihren Aufruf an die Mitglieder veröffentlicht, ohne jemals mit Medi-S geredet zu haben. Beide Seiten betonten aber, weiter gesprächsbereit zu sein.

Wie Metke weiter sagte, seien in Stuttgart von 90 Frauenärzten bereits 43 dem Verbund Medi-S beigetreten: Der Aufruf habe also seine Wirkung verfehlt. Dagegen betonte Wiesner-Bornstein, dass der ¸¸überwiegende Teil'' der Mitglieder dem Ärzteverbund nicht beigetreten sei.

Mittlerweile hat die Geno-Gyn begonnen, ein Konzept für ein eigenes Verbundsystem auszuarbeiten, das allen Ärzten in Nordwürttemberg offenstehen soll. Somit gibt es nun die Möglichkeit, dass in Stuttgart und Nordwürttemberg ein konkurrierendes Netz entsteht. Demnächst will man mit allen Vertragsärzten, ärztlichen Organisationen und Krankenhäusern Kontakt aufnehmen.

Medi-S startet hingegen schon am 15.September. Neben den standespolitischen Auswirkungen wird der Verbund auch Folgen für den Patienten haben: Durch die Kooperation der teilnehmenden Ärzte könnten zum Beispiel Doppeluntersuchungen vermieden werden; außerdem soll die ärztliche Versorgung an Werktagen besser werden. Kritiker sehen die Gefahr des ¸¸gläsernen Patienten''.

Kommentar: Gegenwind Seite 19

 

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