P R E S S E S C H A U Stuttgarter Zeitung 05.07.1999 Machtkampf im Medizinbetrieb Wo bleibt der Patient?Alle reden über ihn, Ärzte, Kassenfunktionäre, Politiker. Aber der Patient selbst wird in der Regel nicht gehört. In Deutschland läuft eine gespenstische Diskussion über die Zukunft des Gesundheitswesens ab, die kein Klischee ausläßt. Mal klagen Politiker über bornierte Ärzte, dann Ärzte über ahnungslose Politiker, Politiker und Ärzte gemeinsam über entweder zu großzügige oder zu sparsame Kassen. Gespenstisch ist diese Dauerdiskussion deshalb, weil sie die wichtigste Gruppe ausläßt: die Patienten. Und diese haben keine wirkliche Lobby und kein kräftiges Sprachrohr. Ein Beispiel unter vielen: als die Gesundheitsministerin Andrea Fischer mit einer Aufklärungskampagne zur Gesundheitsreform in ein Zirkuszelt ging, da beklagten sich Patienten, alle Beteiligten seien in der Manege gehört worden, nur sie nicht. Der Patient - das unbekannte Wesen?Daß die Gruppe der Patienten in dieser lebenswichtigen Auseinandersetzung weitgehend sprachlos bleibt, hat einfache Gründe. Patienten haben durchaus unterschiedliche Interessen, sind meistens nur auf Zeit betroffen und lassen sich deshalb schwer organisieren. Nur wenn sie am eigenen Leib erleben, daß für sie kein Bett mehr frei ist oder eine wichtige Behandlung aufgeschoben wird, spüren sie die Folgen von Entscheidungen, die fernab von ihnen getroffen worden sind. Für chronisch Kranke gilt, daß sie sich zwar wegen der Dauerhaftigkeit ihrer Krankheit noch am ehesten in Selbsthilfegruppen organisieren lassen, aber zugleich besonders stark auf das Wohlwollen der Kassen und Ärzte angewiesen sind. Das bremst ihren Mut zur entschiedenen Stellungnahme. Dabei soll der Patient nach dem Willen von Politikern und Ökonomen eine zunehmend stärkere Rolle spielen, sich nicht als Bittsteller verstehen, sondern als Kunde, der selbstbewußt Dienstleistungen einfordert. Er soll die dritte, gleichberechtigte Kraft neben Ärzten und Kassen auf dem Medizinmarkt werden. Und die Realität? Sie ist weit davon entfernt. Nach wie vor fehlt ein Mindestmaß an Chancengleichheit. Das gilt zum Beispiel bei Informationen darüber, wer die objektiv beste Behandlung in einem Krankenhaus anbietet und welcher Arzt sich nicht nur durch die Zahl seiner ¸¸Kunden'', sondern auch durch die Qualität seiner Beratungen auszeichnet. Frau Fischer will die Rechte des Patienten endlich gesetzlich stärken - das kann man nur begrüßen. Wenn sie aber zugleich den Zugang zu fachärztlichen Diensten über das Nadelöhr des Hausarztes kanalisieren will, dann mag es dafür vernünftige wirtschaftliche Gründe geben - mit der Vorstellung vom mündigen Patienten hat das allerdings herzlich wenig zu tun. Das Bild vom Patienten, der dem Arzt als selbstbewußter und informierter Kunde gegenübersteht, paßt kaum in die wirkliche Welt. Gewiß, wenn jemand fit, relativ jung, nach Möglichkeit auch noch Mitglied einer Privatkasse ist und sich einer Routineoperation unterziehen lassen will, wird er diesem Idealbild vielleicht entsprechen. Aber ein Patient, der schwer erkrankt und auf der Suche nach schnellstmöglicher Hilfe ist, wird seine ihm zugedachte Kundenrolle kaum wahrnehmen können. Er ist abhängig von der Hilfe und dem Können des Arztes sowie der Großzügigkeit seiner Kasse. Das gilt erst recht dann, wenn jemand älter ist und mehrere gesundheitliche Probleme hat. Und schließlich wird ein Patient, der als ¸¸austherapiert'' gilt, oft froh sein, wenn sich überhaupt ein Arzt seiner wirklich fürsorglich annimmt. Es gibt diese Ärzte sehr wohl, aber man muß sie erst einmal finden. Nein, das Marktmodell wird sich auf den Patienten nur in den seltensten Fällen anwenden lassen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Etikettenschwindel. Im einsetzenden Verteilungskampf zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Kassen hat der Patient notgedrungen schlechte Karten. Bessere Karten wird er nur bekommen, wenn er sich bemerkbar macht - und dies auch vernünftig begründen kann. Denn noch ist keineswegs ausgemacht, welche Folgen die von Andrea Fischer auf den Weg gebrachte Gesundheitsreform mit ihren Globalbudgets haben wird. Ganz prekär wird es dann, wenn es um die Frage geht, was in diesem Gesundheitssystem noch bezahlbar ist oder nicht. Fischers Vorgänger Horst Seehofer hat einmal, seine alte Mutter in Gedanken vor Augen, mit dem Brustton der Überzeugung geäußert, auch eine über Achtzigjährige werde natürlich ihre künstliche Hüfte bekommen, wenn diese medizinisch sinnvoll sei. Ob er sich da heute noch so ganz sicher ist? Wenn es nicht gelingt, über zaghafte Anfänge hinweg die unterschiedlichen Interessen von Kranken zu bündeln und eine halbwegs machtvolle, zentrale und unabhängige Vertretung zu bilden, werden die Patienten oft genug das Nachsehen haben und das werden, was manche heute schon sind: Bittsteller. Von Wolfgang Borgmann
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