Rote Karte für Baumgärtners Medi-Verbund

P R E S S E S C H A U

Stuttgarter Nachrichten 23.06.1999  Klick zum Original-Scan

Im Internet tobt der Kampf der Mediziner

Der Streit um das ärztliche Praxisnetz "Medi-S" geht in die nächste Runde

In der vergangenen Woche nahm das ärztliche Praxisnetz "Medi-S" in Stuttgart mit seiner Gründung als GbR-Gesellschaft die Arbeit auf. Die Kritik an diesem Verbund will indes nicht verstummen. Inzwischen wird die Polemik auch im Internet ausgetragen.

VON KLAUS EICHMÜLLER

Hinter "Medi-S", dem inzwischen 386 der etwa 900 in Stuttgart niedergelassenen Ärzte angehören, steht die Vertragsärztliche Vereinigung. Deren Gründer wiederum sind der streitbare Dr. Werner Baumgärtner, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg (KVNW), und dessen Stellvertreter, Dr. Norbert Metke. "Wir wollen bis Herbst die Hälfte der Niedergelassenen als Mitglieder gewinnen", gibt sich Metke optimistisch. Mit dem Netz werden zwei Ziele verfolgt. Zum einen sollen die Ärzte für die anstehenden Auseinandersetzungen mit der Gesundheitspolitik und den Kassen gestärkt werden. Auch die Patienten sollen durch die Verbesserung der Zusammenarbeit der Praxen und die Vermeidung von Doppeluntersuchungen profitieren.

Doch Kritik an "Medi-S" wird inzwischen von zwei Seiten geübt. Im Krankenhausausschuß äußerten Stadträte verschiedener Parteien Zweifel daran, ob durch die Netzkonstruktion die freie Arztwahl der Patienten garantiert sei. Gewarnt wurde sogar vor einem Machtmonopol. Als Hauptkritiker von "Medi-S" gilt der Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann, der zugleich Inhaber eines Systemhauses für Datentechnik, medizinische Informationssysteme und Internet Service ist. Er argwöhnt im Praxisverbund ein "Kartell", das gegen die Interessen der Kassen und der Patienten geschmiedet wird und in erster Linie dem Machterhalt der Ärztefunktionäre dient.

Zum Eklat kam es am vergangenen Mittwoch. Bei der Gründungsveranstaltung von "Medi-S" wurde Luchmann von Baumgärtner aus dem Saal gewiesen. Im Internet wirft der Psychotherapeut deshalb inzwischen dem Ärztefunktionär ein gestörtes Demokratieverständnis vor. Pikanterweise hat Luchmann dabei seit vergangenen Freitag für sich die Internetadresse www.medi-s.de belegt. Diese Seite soll als "öffentliches Diskussionsforum um das Ärztekartell Medi-S" dienen. Erster Eintrag ist ein vierseitiger Text von Luchmann, in dem er unter anderem Baumgärtner als "Plattmacher der Kassenpsychotherapie" bezeichnet. Und: "Zu denjenigen, die bei einer Professionalisierung der Kassenärztlichen Vereinigung etwas zu verlieren haben, sind wohl in erster Linie Baumgärtner und Metke mit ihren gut dotierten Vorstandsjobs zu zählen."

Metke kontert inzwischen nicht per Internet, sondern verbal. "Luchmann hat für uns einen hohen Unterhaltungswert, ganz im Gegensatz zu seiner fachlichen Kompetenz."

Der so Gescholtene bleibt indes nicht untätig. Er hat für sich die Internetadresse www.kvnw.de reserviert. KV-Funktionär Metke findet das nur bedingt lustig. "Man wird juristisch überprüfen lassen, ob man privat die Adresse einer Anstalt des öffentlicher Rechts verwenden darf." Luchmann bleibt gelassen. "Wer zuerst kommt..."

Und ein Blick auf das Original
Stuttgarter Nachrichten vom 23.06.1999
© 1999 Stuttgarter Nachrichten online.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung durch Thomas Barth, Redaktionsleitung Online, Stuttgarter Nachrichten online.