P R E S S E S C H A U
Stuttgarter Zeitung 07.06.1999 Ärztenetz ¸¸Medis'' kommt nicht bei allen Doktoren anBisher nimmt nur etwa ein Drittel der Stuttgarter Mediziner teil - Start bis Herbst verschoben - Kritiker bezweifeln Nutzen Das Datennetz ¸¸Medis'' soll die Kommunikation unter den Stuttgarter Ärzten verbessern und manche Untersuchung überflüssig machen. Doch das Projekt stockt: Viele Mediziner zögern mit dem Beitritt, die Software bereitet Probleme. Und die Kritik wächst. Von Thomas Faltin Das Ärztekartell Medis hat zwei Hauptziele. Zum einen soll die ärztliche Position gestärkt werden, denn eine starke Interessengruppe mit einheitlicher Stoßrichtung kann in den Auseinandersetzungen mit Gesundheitspolitikern und Krankenkassen besser agieren. Zum anderen soll der Patient Vorteile haben: Beispielsweise könnten durch eine bessere Kommunikation unter den Kollegen viele Doppeluntersuchungen vermieden werden. Doch das Verbundsystem ist allem Anschein nach kein Selbstläufer, wie zunächst erwartet worden war. Im April war offiziell von 420 Teilnehmern die Rede gewesen - das entspräche etwa der Hälfte aller niedergelassenen Ärzte in Stuttgart. Aber bei einer Veranstaltung vor wenigen Wochen soll Werner Baumgärtner, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nord-Württemberg (NW), gesagt haben, es seien lediglich 200 Ärzte dem Praxisverbund beigetreten, und auch bei denen habe er noch den Eindruck, er müsse jeden einzeln einfangen. Dabei sei den Ärzten auf den Veranstaltungen ein Horrorszenario gezeichnet worden, um sie zur Teilnahme zu bewegen, kritisierte der Stuttgarter Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann. So habe der Tenor gelautet: Sollte die KV, wie derzeit diskutiert, tatsächlich abgeschafft oder in ihren Kompetenzen beschnitten werden, müsse jeder Arzt persönlich Honorarverhandlungen mit den Kassen führen und sich dabei unter Umständen zu Dumpingpreisen verkaufen - Medis biete dafür einen Ausweg. Auf Nachfrage sagte Baumgärtner, mittlerweile hätten mehr als 300 Ärzte den Verbundvertrag unterschrieben; er gehe davon aus, daß sich schließlich 400 Ärzte beteiligen werden. Auch der Medis-Zeitplan ist ein wenig durcheinandergeraten. Zunächst war der Start des Praxisverbunds für den Frühsommer geplant gewesen, doch bisher sind die Verantwortlichen noch dabei, die verschiedenen Praxisprogramme der Ärzte kompatibel zu machen. Die Softwareprobleme seien aber gelöst, sagte Baumgärtner: Nach der Sommerpause würden 20 Praxen in einer Pilotphase erste Erfahrungen sammeln. Bis alle teilnehmenden Ärzte per Datennetz kommunizieren können, wird es aber noch dauern - der KV-Chef hofft, daß Medis im nächsten Jahr für alle funktionstüchtig sein werde. Der Psychotherapeut Luchmann kritisiert an Medis weiter, daß die Ärzte viel zu wenig an der Entwicklung des Konzeptes beteiligt worden seien: ¸¸Es ist eine ganz kleine Gruppe, die das Konzept ausheckt, während die späteren Teilnehmer gar nicht eingebunden werden.'' Werner Baumgärtner räumt ein: Andere Ärzte hätten ebenfalls den Vorwurf erhoben, Medis sei zu zentralistisch. ¸¸Aus dieser Kritik haben wir gelernt'', so Baumgärtner. Die Besprechungen stünden seitdem für alle Mitglieder offen. Dennoch sieht der Medis-Gegner Dietmar G. Luchmann in dem Ärztenetz vor allem ein Instrument, um im bewegten Gesundheitssystem den Einfluß der KV zu erhalten. Für den Patienten bringe das Kartell dagegen kaum Vorteile: Denn schon heute gebe es Fax, Telefon und E-Mail - um Doppeluntersuchungen zu vermeiden, reiche das vorhandene Kommunikationsnetz aus. Das wirkliche Problem sei, daß die Ärzte eine zu inhomogene Gruppe bildeten und deshalb keine gemeinsame Stoßrichtung entwickelten - daran werde auch das Medis-System nichts ändern. Eine weitere Gefahr sieht Luchmann im Datenschutz - Werner Baumgärtner betonte hingegen, daß jeder Patient ausdrücklich in die Speicherung seiner Daten einwilligen müsse und daß das Innenministerium den Pilotversuch datenschutzrechtlich begleite. Zuletzt befürchtet Dietmar G. Luchmann auch ein medizinisches Problem: Weil bei Medis in der nahen Zukunft Behandlungsleitlinien definiert werden sollen, sieht Luchmann die Gefahr einer Einheitsmedizin, bei der beispielsweise alternative Heilmethoden unter den Tisch fallen könnten. Aus allen diesen Gründen ist Medis nach Ansicht Luchmanns weder sinnvoll noch notwendig. Auch die wünschenswerten Einsparungen ließen sich anders besser verwirklichen, so der Psychotherapeut. So biete die moderne Praxistechnologie mit dem Computer ein erhebliches Sparpotential. Er selbst beschäftige auch keine Arzthelferin mehr, sondern kümmere sich direkt um den Patienten. Werner Baumgärtner hält von solchen Vorschlägen jedoch wenig: Luchmanns Kritik sei destruktiv und könne nicht ernstgenommen werden. Er will deshalb im Medis-Fahrplan wie geplant fortfahren. |