P R E S S E S C H A U Stuttgarter Zeitung 25.03.1999 - Kommentar Die neue Macht der Ärzte Im DatennetzDie Ärzte haben es endgültig satt, daß Politik und Krankenkassen ständig über ihre Köpfe hinweg entscheiden: ‚‚Die Ärzte müssen wieder im Mittelpunkt der Patientenversorgung stehen’’, sprach denn auch Werner Baumgärtner, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur neuen Macht der Ärzte ist das Verbundsystem ‚‚Medis’’ (siehe Bericht auf Seite 23). Mit diesem Datennetz wollen die Ärzte beweisen, daß sie effektiv und wirtschaftlich arbeiten können. Vor allem aber wollen sie Patienten zurückgewinnen: Durch eine ständige Anlaufpraxis soll für den Patienten auch nachts und am Wochenende mancher Gang ins Krankenhaus überflüssig werden. Und durch eine bessere Koordination unter den Kollegen soll die Einweisung ins Krankenhaus überhaupt zur Ultima ratio werden. Die Krankenhäuser wird das nicht freuen, aus Sicht der ärztlichen Standesvertretung ist der Vorstoß aber legitim. Es fragt sich nur, welche Veränderungen auf den Kranken zukommen: Wird seine Versorgung tatsächlich besser wie behauptet, oder zappelt er am Schluß als gläserner Patient im Datennetz? Die Kritik an Medis hat bereits Früchte getragen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat ihre Pläne dem Innenministerium offengelegt, um sie auf Einwände der Datenschützer abklopfen zu lassen - einige Auflagen sind bereits erteilt worden. Insofern zeigt sich die KV sehr vorsichtig. Und das ist auch notwendig: Denn es muß gewährleistet sein, daß Patientendaten nicht in falsche Hände kommen. Und schon ein Arzt, der ans Datennetz angeschlossen ist, aber nicht an der Behandlung beteiligt ist, hat in den Unterlagen der Patienten nichts zu suchen. Außerdem darf die Macht der Verbundärzte - immerhin die Hälfte der Stuttgarter Mediziner - nicht dazu führen, daß sie zu großen Einfluß auf die Krankenhausplanung erhalten. Denn diese Planung ist immer noch Angelegenheit der Stadt und nicht der Ärzteschaft. Es darf also nicht geschehen, daß die Mediziner ihre Patienten nur noch in jene Kliniken einweisen, die an das Medis angeschlossen sind. Denn sonst werden vor allem die kleinen Häuser der Stadt irgendwann in Existenznöte kommen. Nicht die Partnerschaft mit Medis, sondern allein medizinische Erwägungen müssen ausschlaggebend für die Wahl des Krankenhauses sein. Wenn dies gewährleistet ist, dann kann Medis Vorteile bringen - und zwar nicht nur für die Ärzte, sondern auch für die Patienten. Von Thomas Faltin
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