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18.07.2000

Einmal lächelte Renate Wallert sogar - Aber "In der Seele werden tiefe Spuren bleiben"

Göttingen/Lüneburg - Als Renate Wallert am Dienstag in Göttingen um 07.40 Uhr hinter ihrem Sohn Dirk aus dem grünen BGS-Hubschrauber vom Typ "Puma" kletterte, zog die an Tropenhitze gewohnte Frau fröstelnd ihren weißen Sommermantel um die Schultern. Die Quecksilbersäulen der Thermometer in der Universitätsstadt zeigten bei grauem Himmel 13 Grad. Erwartet wurde sie von Niedersachsens Wissenschaftsminister Thomas 0ppermann (SPD). Der umarmte die Frau und übergab ihr einen persönlichen Brief von Ministerpräsident Sigmar Gabriel. Dann verschwand die Gruppe - umringt von Ärzten und Hilfspersonal - im Tunnelgewirr der Universitätsklinik. Renate Wallert machte einen munteren Eindruck. Einmal lächelte sie sogar.

Vor dem Wallert-Haus im Stadtteil Geismar wartete derweil eine Schar von Journalisten. Jeder Passant, der vor dem Haus stehen blieb, wurde interviewt. Bekannte der Familie bahnten sich ihren Weg zwischen Fotografen und Kameras hindurch, um Blumen auf die Stufen der Eingangstür zu legen. Dalila Wittorf hatte sich ganz spontan entschlossen, einen Willkommensgruß vorbeizubringen. "Ich habe im Fernsehen gesehen, dass Frau Wallert nach Hause kommen soll", sagte die Elfjährige. Sie legte eine große Sonnenblume mit einem Umschlag für die 56-jährige und ihren Sohn auf die Stufen. "Meine Oma hat die für mich gekauft, und ich durfte sie hierher bringen".

"Ich habe die ganzen Wagen hier gesehen und gedacht, da muss ich doch mal gucken", sagte Karel Eggert. "Wenn sie jetzt kommt, würde ich mich freuen, aber man muss ja auch die Distanz bewahren", fügt e er mit Blick auf die gut 50 wartenden Journalisten hinzu. "Frau Wallert muss ja erst mal zu sich kommen."

Das hellbeigefarbene Haus der Wallerts sieht aus, wie gerade erst verlassen: Die Hecke gestutzt, der Rasen gemäht, das Heidebeet im Vorgarten gepflegt. In einer Schale blühten Stiefmütterchen, Margeriten und Gänseblümchen. Nachbarn hatten sich während der Gefangenschaft von Renate Wallert, ihrem Mann Werner und Sohn Marc um das Haus gekümmert. "Die gute Freundin" Heiderose Niemeyer stellte eine Glasschale mit Nektarinen und Bananen vor die Haustür - als Erstversorgung.

Am frühen Nachmittag wurde dann deutlich, dass die 56-Jährige die fast dreimonatige Gefangenschaft durch die Moslemextremisten besser überstanden hat, als selbst die positivsten Prognosen erwarten ließen. Drei Professoren untersuchten sie. "Wir sind erstaunt, die Kreislaufverhältnisse sind stabil. Blutdruck, Lunge, Nieren - alles funktioniert sehr gut, auch von der Ernährungssituation sind wir positiv überrascht", sagte der Internist, Prof. Gerhard Anton Müller, der dpa.

Jetzt müssten die Ergebnisse der Tropenmedizin noch abgewartet werden. Außerdem soll die Patientin ambulant psychologisch betreut werden. In der Klinik wurde die Musiklehrerin von den übrigen Patienten abgeschirmt. Zwischen 13.00 und 15.00 Uhr verließ sie dann die Klinik mit einem unbekannten Ziel. Freunde und Nachbarn mit Blumensträußen und die riesige Schar von Fotografen und Kameraleuten aus allen Teilen Europas hatten vorerst vergeblich gewartet.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Renate Wallert die typischen Symptome einer schweren Traumatisierung erlebt, ist jedoch sehr groß. "Das können Albträume, Angstzustände und eine Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses sein", sagt der Lüneburger Trauma-Experte Michael Hase. Die extrem lange Dauer von zwölf Wochen ihrer Geiselhaft sei eine besonders schwere Hypothek. "Der ständige Wechsel von Hoffnung und Resignation wird tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen", meint der Psychiater. Eine Prognose darüber, ob die Verletzungen eines Tages vernarben können, sei gegenwärtig "fast unmöglich".

"Das liegt auch daran, dass Frau Wallert praktisch doppelt traumatisiert ist", betont Hase. Zum einen habe sie ihre eigene Gefangenschaft zu verarbeiten, zum anderen sei das Schicksal ihres Mannes und ihres Sohnes nach wie vor ungewiss. "Bei deren Freilassung wird der Prozess der Verarbeitung in Renate Wallert unterbrochen. Es werden sich erneute Veränderungen abspielen", schätzt der Arzt ein, der zahlreiche Gewaltopfer erfolgreich behandelt hat.

Es sei wichtig, der freigelassenen Geisel zu vermitteln, dass ihre Reaktionen auf das Erlebte normale Regungen auf ein unnormales Ereignis seien, sagt Hase. "Es gilt, bei ihr Selbstzweifel zu beseitigen und zu verhindern, dass sie durch das Erleben von Angstgefühlen erneut traumatisiert wird."

"Wenn man auf Gedeih und Verderb einem Geiselnehmer ausgeliefert ist, gibt es die Notwendigkeit, auch Gutes an den Tätern zu entdecken", sagt Hase. Frau Wallert habe zum Beispiel gesagt, es gehe ihr ganz gut, obwohl die Fernsehzuschauer das Gegenteil erkennen konnten. "Hinterher entstehen irrationale Schuldgefühle. Da wäre die Hilfe eines Therapeuten sinnvoll." Aber auch Renate Wallerts christliche Orientierung könne ihr helfen, "das Unfassbare einzuordnen".

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