N A C H R I C H T E N 14.07.2000 Landesärztetag Baden-Württemberg eröffnet - Partnerschaft mit Patienten im VordergrundKonstanz/Stuttgart - Unter dem Motto "Welche Ärzte braucht das Volk?" hat am Freitag in Konstanz der 4. baden-württembergische Ärztetag begonnen. Auf dem zweitägigen Kongress wollen die hundert Delegierten der Landesärztekammer unter anderem über die von der Politik vorgegebenen neuen Budgets für Ärzte, das Verhältnis zum Patienten sowie die Ausbildung der Mediziner diskutieren. An den Gesprächen werden auch Patienten-Vertreter, Juristen und angehende Mediziner teilnehmen.Zu Beginn wiesen Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) und Präsident Jörg-Dietrich Hoppe von der Bundesärztekammer auf die Notwendigkeit einer größeren Patientenautonomie hin. Die Patienten sollten durch verstärkte Beratung und Aufklärung in die Lage versetzt werden, an der Art und am Verlauf ihrer Behandlung mitzuwirken, sagte Repnik. Dazu gebe es im Land bereits beachtliche Ansätze, stellte der Minister fest. Er nannte unter anderen das Modell der Patientenberatung der Bezirksärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordbaden. Hoppe erklärte, eine verstärkte Patientenautonomie bedeute eine mehr gleichberechtigte und partnerschaftliche Patienten-Arzt- Beziehung. Allerdings werde es wohl zunächst dabei bleiben, dass die Menschen vor allem nach einer Erkrankung Rat suchten. Er plädierte für eine "patientenorientierte ausgewogene hausärztliche, fachärztliche und hochspezialisierte Versorgung auf internationalen anerkanntem Niveau". Nach Repniks Worten wird der Gesundheitsbereich künftig zu den "wichtigsten Motoren" der Wirtschaft des Landes gehören. Baden-Württemberg besitze neben den guten stationären und ambulanten Versorgungsangeboten auch bei Kuren und Rehabilitationen sowie in Pharmazie und Medizintechnik eine überdurchschnittliche Wirtschaftskraft. Er forderte dazu auf, bestehende Abgrenzungen abzubauen und "Komplettsysteme" im Gesundheitsbereich zu entwickeln. Patientenautonomie: Gemeinsam mit dem Arzt entscheiden Patientenautonomie gewinnt in der Diskussion um die Zukunft des Ärzteberufs immer mehr Bedeutung. Dahinter steckt die Absicht, die Position von Patienten und Krankenversicherten durch Aufklärung zu stärken, um sie zu informierten Partnern der Ärzte zu machen. Nur aufgeklärte Patienten, sagen Gesundheitspolitiker und Mediziner, werden künftig in der Lage sein, gemeinsam mit ihrem Arzt über Behandlungsoptionen zu entscheiden und jene Leistungen in Anspruch zu nehmen, die im Einzelfall notwendig sind. Auf diese Weise sollen sich Arzt und Patient die Verantwortung teilen. Dies ist aber mit einer einmaligen Beratung oder mit standardisierten Informationen nicht zu erreichen, mahnt der "Gesundheitsrat Südwest", eine unabhängige Kommission der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Patienten müssten vielmehr individuell und kontinuierlich aufgeklärt werden, wobei die Ärzteschaft und alle Leistungsgruppen des Gesundheitswesens in der Pflicht stünden. Nicht nur während einer Erkrankung, sondern schon in gesunden Tagen sollen die Menschen die Möglichkeit erhalten, auf der Grundlage eingehender Beratung Vorentscheidungen zu treffen. Dazu gehört auch die Wahl der Krankenkasse oder die Option für den Facharzt oder den "klassischen" Hausarzt - "keineswegs eine nostalgische Revitalisierung der romantischen Hausarztidylle", wie es der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, darstellt. Der "Gesundheitsrat Südwest" hat die Bildung besonderer Informationsdienste vorgeschlagen, mit denen sich Patienten über Versorgungsangebote und die Kosten von Behandlungen informieren können. Das sei eine Voraussetzung für eine verantwortungsvolle Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen. Landesärztekammer fordert mehr Allgemeinmedizin in der Ausbildung Eine stärkere Berücksichtigung der Allgemeinmedizin in der medizinischen Ausbildung in Baden-Württemberg fordert der Präsident der Landesärztekammer, Friedrich-Wilhelm Kolkmann. Bisher seien die Bemühungen dafür "nicht sehr erfolgreich" gewesen, sagte Kolkmann am Freitag am Rande des baden- württembergischen Ärztetages in Konstanz der dpa. Es gebe bisher landesweit nur einen "halben Lehrstuhl" für Allgemeinmedizin an der Universität Ulm, kritisierte er. Er habe den Eindruck, dass die Fakultäten die Ausbildung zum praktischen Arzt nicht durch neue Lehrstühle institutionalisieren wollten. Allerdings trage die Allgemeinmedizin selbst zu wenig dazu bei, den Nachweis für ihre Eigenständigkeit zu erbringen. "Das Marketing stimmt nicht", sagte Kolkmann. Einen Beweis dafür sieht er zum Beispiel darin, dass im Südwesten die Hälfte aller klinischen Ausbildungsstellen für Allgemeinmediziner nicht in Anspruch genommen werde. Die meisten Studierenden entschieden für die am nächsten verwandte Fachrichtung des Internisten. Wenn sich dies nicht ändere, müssten später die Internisten die Rolle des "klassischen Hausarztes" übernehmen. Kolkmann beklagte ferner die "maßlose Fremdbestimmung der Ärzte durch das Sozialrecht". Dies stehe oft im Widerspruch zur Ethik, zur Berufsauffassung und allgemein zum Verständnis von ärztlicher Freiheit. "Es wird durch Vorschriften und Gesetze zu viel gegängelt und behindert", betonte er. Stichwort: Ärzte in Baden-Württemberg In Baden-Württemberg gibt es nach Angaben der Landesärztekammer rund 34.000 Ärzte aller Fachgebiete. Damit kommt statistisch gesehen ein Arzt auf etwas über 300 Einwohner. Jeweils 17.000 Ärzte sind im ambulanten und im stationären Bereich tätig. Der Landesärztekammer Baden-Württemberg mit Sitz in Stuttgart gehören 47.000 Pflichtmitglieder an, von denen 13.000 keine ärztliche Tätigkeit ausüben oder im Ruhestand sind. Die Vertreterversammlung ist das "Parlament" der Landesärztekammer. Sie besteht gegenwärtig aus 92 Ärztinnen und Ärzten, die als Delegierte aus den vier Bezirksärztekammern entsandt werden. Zusätzlich stellen die vier medizinischen Fakultäten des Landes jeweils einen Vertreter. Die Landesärztekammer ist durch das Heilberufe-Kammergesetz als Körperschaft des öffentlichen Rechts eingerichtet worden. Ihr Präsident in der Amtsperiode 1999 bis 2003 ist Friedrich-Wilhelm Kolkmann (Nürtingen), Vizepräsidentin ist Ulrike Wahl (Stuttgart). © MEDI-Report: www.medi-report.de |