N A C H R I C H T E N 13.07.2000 "Gipfel der Verschwendung" - Angst kostet der deutschen Volkswirtschaft über 100 Milliarden DM jährlichBonn/Köln/Stuttgart - Fast jeder Beschäftigte leidet am Arbeitsplatz unter Ängsten. Bis zu 90 Prozent der Mitarbeiter, quer durch alle Hierarchie-Ebenen, seien davon betroffen, berichtet der in Bonn erscheinende Informationsdienst "Handbuch für den Vorgesetzten" unter Berufung auf eine Langzeitstudie an der Fachhochschule Köln. Den gigantischen volkswirtschaftlichen Schaden schätzen Arbeitspsychologen auf jährlich mehr als 100 Milliarden Mark. Besonders die Angst vor Autoritätsverlust, Innovationen und Fehlinformationen sei in den vergangenen vier Jahren deutlich gestiegen.Die Angst gehört demnach umso häufiger zum Arbeitsalltag, je mehr sich das Unternehmen in turbulentem Fahrwasser befindet und Umstrukturierungsmaßnahmen oder sogar der Verkauf der Firma drohen. Aber auch Frustrationen oder die Forderung nach mehr Leistung seien Angstfaktoren. Gesprochen werde darüber jedoch selten. Stattdessen werde vor allem in Managerkreisen zu Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungstabletten gegriffen. Winfried Panse, Diplom-Kaufmann, Soziologe sowie Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der FH Köln, und Wolfgang Stegmann, Diplom-Betriebswirt und Lehrbeauftragter, haben in ihrer Studie "Kostenfaktor Angst" folgende Rechnung durch Angst verursachter jährlicher Kosten aufgemacht: 16 Milliarden DM Fluktuationskosten, 68 Milliarden DM durch innere Kündigung, 19 Milliarden DM durch angstbedingten Medikamentenkonsum, 48 Milliarden DM durch angstbedingten Alkoholkonsum, 30 Milliarden DM durch Mobbing-Prozesse, 18 Milliarden DM durch angstverursachte Fehlzeiten. "Auch wenn man bei diesen Schätzungen und Berechnungen", so Panse und Stegmann, "Schnittmengen berücksichtigen muß, so ist es realistisch, daß durch Ängste allein der deutschen Wirtschaft jährlich ein Schaden von über 100 Milliarden DM entsteht." "Dieser Milliardenschaden kann aber nur gemindert werden, wenn die Angst und nicht die unter Ängsten leidenden Mitarbeiter bekämpft werden. Das richtige Instrument für diesen kostensenkenden Kampf sehen wir in einem betrieblichen Angstmanagement. Für uns", so fassen Panse und Stegmann ihre Erkenntnisse in der Studie zusammen, "ist Angstmanagement kein sozialromantischer Prozeß, sondern ein Gebot betrieblicher Ökonomie" (S.175f). Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Leiter der Angstambulanz Stuttgart, empfiehlt den Verantwortlichen in der Wirtschaft, bei der Kostensenkung mehr Aufmerksamkeit auf die "weichen Faktoren" zu richten. "Wenn man bedenkt, dass Menschen mit Angst- und Panikstörungen im Durchschnitt erst nach acht bis zwölf Jahren einen geeigneten Angsttherapeuten aufsuchen und trotzdem nach unserer Statistik durchschnittlich innerhalb von weniger als zwanzig Behandlungsstunden ihre Angst zu überwinden lernen können, so ist nur zu erahnen, welche Kosten durch eine effiziente Behandlung gespart werden könnten", betont der Angsttherapeut. "Den Kostenfaktor Angst nicht zu erkennen bedeutet, auf dem Gipfel der Verschwendung zu stehen." Luchmann schildert als "nicht ungewöhnlichen Fall" aus der Arbeit seiner Angstambulanz einen 36jährigen Unternehmer, der seit seiner Jugend an einer zunehmenden Agora- und Herzphobie litt, die ihn zuletzt sogar daran hinderte, zum Bäcker um die Ecke zu gehen. Die massivsten Ängste bestanden vor Höhen, Tunnels und vor dem Fliegen, was ihn bei der Ausübung seiner Tätigkeit massiv einschränkte. Nach einer gründlichen Diagnostik, kognitiven Vorbereitung, mentalen Umstrukturierung und Therapieplanung wurde nach dem "Stand der Kunst" ein therapeutisches Drei-Tages-Programm zusammengestellt, das alle wesentlichen Übungssituationen des Klienten beinhaltete: Fahrt zum Fughafen mit separatem PKW, gemeinsames Einchecken mit dem Therapeuten und Flug nach New York, Hotel-Check-In und Übernachtung in New Yorks höchstgelegenem Einzelzimmer, Besteigen der Freiheitsstatue und Essen mit und ohne Therapeuten, Fahrten mit U-Bahn, Bus und Seilbahn, Besuch der Börse an der Wall Street, des World Trade Center mit senkrechtem Blick 420 m tief in die Straßenschluchten, Helikopter-Rundflug über Manhatten zunächst mit und dann ohne Therapeuten, Mietwagentagesrundfahrt nach Philadelphia und Bummel an der Atlantikküste, alleinigem Einkaufen u.s.w. Trotz anfänglich großer Ängste bewältigte der Klient unter therapeutischer Führung alle Situationen und erlangte eine eigene konkrete Erfahrung, die es ihm ermöglichte, seine Ängste abzulegen. Er veränderte sein Leben grundlegend, unternahm Reisen und hatte zunehmend beruflich Erfolg. Auch in seinem vergleichsweise aufwendigen therapeutischen Vorgehen kostete seine Behandlung nur knapp DM 10.000,00. Sie dauerte trotz der bereits 15 Jahre bestehenden Erkrankung aufgrund der intensiven Blocktherapie nur wenige Wochen. Die Experten raten dazu, die Ängste der Mitarbeiter nicht zu verdrängen, sondern eine "Vertrauenskultur" im Unternehmen aufzubauen. Diese sollte Mitarbeitern ein Gefühl der Wertschätzung vermitteln und Konflikte oder Fehler "sachorientiert" aufarbeiten. Auch die Kooperation mit erfahrenen Psychotherapeuten zahlt sich für die Unternehmen sehr rasch aus. Lesetipp: Winfried Panse und Wolfgang Stegmann: Kostenfaktor Angst. Verlag Moderne Industrie, Landsberg/Lech, 285 Seiten, DM 59,00. Informations-Tipp: Angstambulanz des ABARIS®-Institutes - 0700-ANGSTAMBULANZ - www.angstambulanz.de © MEDI-Report: www.medi-report.de |