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12.07.2000

Die menschliche Gehirnstruktur bald bekannt - Hirnforschung ändert das Menschenbild

Hannover - Eine lückenlose Beschreibung der Gehirnstruktur ist nach Ansicht des Frankfurter Hirnforschers Prof. Wolf Singer in "absehbarer Zeit" möglich. "Wir kennen die Bausteine und die Art, wie Nervenzellen vernetzt sind." Ob der Mensch die Funktionsweise des Gehirns aber jemals verstehen könne, sei ungewiss, sagte der Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung (Frankfurt/Main) am Mittwoch auf dem Expo-Wissenschaftsforum Global Dialogue in Hannover. Ein Bild, etwa von einem Pferd, entstehe dann im Gehirn, wenn zeitgleich viele Nervenzellen aktiv sind. Über ihre Koordination sei jedoch wenig bekannt.

Auch mit Kenntnis des menschlichen Genoms wird es nach Meinung Singers nicht möglich werden, die Intelligenz eines Menschen bereits am Embryo zu erkennen und damit möglicherweise eine Auswahl zu treffen. "Die Feinstruktur des Gehirns wird erst während der Kindheit und Jugend ausgebildet", betont Singer. Da im Gehirn mehrere zehntausend Gene aktiv seien, werde es wahrscheinlich auch künftig unmöglich sein, die Intelligenz per Gentechnik zu steigern.

Alzheimer- oder Parkinson-Patienten mit Gentechnik zu heilen, erscheine ebenso unmöglich, weil Krankheitsfaktoren auch von außen kommen. Mediziner versuchen derzeit, embryonale Stammzellen ins Gehirn zu transplantieren oder körpereigene Stammzellen zu aktivieren. "Stammzellen können in die richtige Gegend wandern, Verbindungen zu anderen Zellen ausbilden und ihre Struktur den anderen Zellen anpassen", erläutert Singer. Ob sie jedoch die Funktion übernehmen können, wird vor allem von der Region und der Art der Zellen abhängen.

Bei Parkinson erscheine das eher möglich als bei Alzheimer, wo erkrankte Zellen in eine "hochspezifische Architektur" eingebunden sind. Alzheimer-Patienten könnten - wenn überhaupt - nur mit immensem Training von implantierten Stammzellen profitieren. "Es müssten Wege gefunden werden, die ursprünglichen Entwicklungs- und Lernprozesse zu wiederholen, um die neu gebildeten Zellen in den richtigen Kontext einzubinden."

Mit weiteren Erkenntnissen über die Gehirnfunktion werde die Hirnforschung sicher das Menschenbild ändern. "Wir werden uns von normalen Aspekten des Freiheitsbegriffes verabschieden." Das bedeute auch, mehr Toleranz für abweichendes Verhalten zu entwickeln.

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