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11.07.2000 Gefühle besser zulassen: Pflegeleichte Kleinkinder sind oft bindungsgestörtMünchen - Wenn Kleinkinder im Alter von rund einem Jahr bei einer Trennung von der Mutter heftige Tränen vergießen, müssen sich die Eltern keinerlei Sorgen machen. Eine solche Reaktion des Kindes sei völlig normal, sagte der Psychotherapeut Karl Heinz Brisch am Dienstag in München. Anlass zur Sorge bestehe vielmehr bei den so genannten pflegeleichten Kleinkindern, die ohne Probleme bei anderen Personen blieben, sagte Brisch vor einem internationalen Kongress zur frühkindlichen Bindung, der am Mittwoch in München beginnt.
Bei "pflegeleichten" Kindern liege oft eine Störung in der frühkindlichen Bindung an die Hauptbezugspersonen vor. Diese pseudo- autonomen Kinder ließen sich den Trennungsschmerz nicht anmerken, bezahlten dies aber mit großem inneren Stress. In mehreren Studien sei belegt worden, dass diese Kinder in solchen Situationen extrem viel Stresshormone ausstoßen, auch wenn sie äußerlich cool bleiben.
Die Ausbildung der emotionalen Bindung, die ein Kind im Laufe des ersten Lebensjahres entwickle, habe Auswirkung auf das gesamte spätere Leben. Mit dem Alter von rund einem Jahr sei für das Kind die Hauptbindungsperson nicht mehr beliebig austauschbar. Bindungsgestörte Kinder könnten im Extremfall psychosomatisch derart reagieren, dass sie nicht mehr wachsen. Dies sei eine Reaktion auf den gravierenden Mangel an Zuwendung, erklärte Brisch.
Nach den Ergebnissen mehrerer Studien zeigen nur rund 65 Prozent aller Kinder ein sicheres Bindungsverhalten, beim Rest liegen mehr oder weniger gravierende Bindungsstörungen vor, hieß es. Die Experten warnten Eltern vor Drohungen mit einer Trennung nach dem Muster "Wenn du nicht zu weinen aufhörst, lasse ich dich allein". Die Kinder würden nach solchen Äußerungen schnell lernen, Bindungsverhalten nicht mehr zu zeigen und nicht mehr zu weinen - der Preis dafür könnten aber psychische Störungen sein.
Die Unterbringung von Kleinkindern in Kinderkrippen sei unter bindungspsychologischen Aspekten kein Problem, wenn es eine ausreichend lange Eingewöhnungsphase gebe, sagte Brisch. In dieser Phase könne sich das Kind eine Ersatz-Bindungsperson suchen. Drei Tage für eine Eingewöhnung seien aber viel zu kurz.
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