N A C H R I C H T E N 10.07.2000 Aidskonferenz fordert Medikamente und Impfstoffe für arme Länder: Armut ist Killer Nummer einsDurban - Mit der deutlichen Forderung, Medikamente und künftige Impfstoffe auch ärmeren Ländern zugänglich zu machen, hat am Sonntag die 13. Weltaidskonferenz mit rund 10.000 Teilnehmern im südafrikanischen Durban begonnen. Mitglieder der Organisation Ärzte ohne Grenzen und Aidsaktivisten aus vielen Ländern kritisierten auf einem Protestmarsch, es gebe zu wenig politischen Willen, auch in Entwicklungsländern eine HIV/Aids-Behandlung möglich zu machen. Ohne teure Lizenz-Produkte müsste sie nicht mehr als 200 Dollar pro Person und Jahr kosten.Der Präsident Südafrikas, Thabo Mbeki, hat am Sonntagabend in der südafrikanischen Stadt Durban die 13. Weltaidskonferenz in Durban offiziell eröffnet. In seiner Rede bezeichnete er die Armut als weltweite Todesursache Nummer eins. Die Tragödie, die sich zur Zeit in vielen afrikanischen Ländern abspiele, habe nicht in erster Linie den Aidserreger zur Ursache. "Der größte Killer der Welt und die häufigste Ursache für Krankheit und Leiden rund um den Erdball ist extreme Armut", zitierte Mbeki einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die UN-Organisation Unaids forderte, die weltweiten Spenden für medizinische Basishilfe und Prävention im südlichen Afrika müssten auf mindestens drei Milliarden Dollar anwachsen. "Diese Summe ist das Zehnfache des aktuellen Spendenaufkommens. Wie brauchen sie allein dafür, eine Behandlungsbasis in Afrika zu schaffen - an Dinge wie Kombinationstherapie ist da überhaupt noch nicht zu denken", sagte Unaids-Direktor Peter Piot. Ein erster Schritt auf diesem Weg sei die 500-Millionen Dollar-Offerte, die die Weltbank in Washington kurz vor der Konferenz machte. Die Internationale Aids-Impfstoff-Initiative (IAVI) warnte davor, künftige Vakzine gegen die Immunschwächekrankheit armen Ländern jahrelang vorzuenthalten. "Es besteht die wachsende Hoffnung, dass in etwa zehn Jahren ein Impfstoff entwickelt sein wird", sagte IAVI- Präsident Seth Berkley. Die Infrastruktur zu dessen Verteilung müsste aber jetzt schon geschaffen werden. Microsoftgründer Bill Gates, dessen Stiftung sich auf die Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen konzentriert, stellte dazu per Videobotschaft einen detaillierten Vorbereitungsplan für die nächsten fünf Jahre vor. Dabei sollen nach dem Plan der IAVI öffentlicher und privater Sektor, Industrie- und Entwicklungsländer weltweit eng zusammenarbeiten. Grundsteine des Programms sind die feste Zusage der reicheren Ländern, Impfstoffe für besonders schwer betroffene Entwicklungsländer zu kaufen, und gestaffelte Preise. Im Vorfeld der Konferenz kündigte der deutsche Pharmahersteller Boehringer Ingelheim indes an, das Medikament Viramune (Wirkstoff Nevirapin), das die HIV-Übertragung von Mutter zu Kind reduziert, Entwicklungsländern fünf Jahre lang umsonst zur Verfügung zu stellen. Bei den Gesundheitsministern des südlichen Afrikas, die sich in Durban trafen, wurde dieses Angebot Medienberichten zufolge mit Zurückhaltung aufgenommen, da die Offerte zuvor nicht mit ihnen abgesprochen worden war. Aidsaktivisten kritisierten, der Schutz der neugeborenen Kindern sei nur die eine Hälfte des Problems, auch die HIV-infizierten Mütter müssten Zugang zu einer Therapie haben. Ebenso wie die Internationale Aids Gesellschaft begrüßte David Alnwick, Chef der Gesundheitssektion des weltweiten Kinderhilfswerks Unicef, das Angebot des Pharmaherstellers. Zunächst müsste die Wirksamkeit des neuen Präparats, das das bisher gängige Mittel AZT ersetzen könne, jedoch auch von Wissenschaftlern der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt werden, sagte Alnwick der dpa. In Sachen Prävention stellte die britische Fachzeitschrift "The Lancet" auf der Konferenz ermutigende Zahlen aus Studien über freiwillige HIV-Tests vor. Zwei Studien in Entwicklungsländern zeigten, dass Männer und Frauen wesentlich seltener ungeschützten Sex hatten, nachdem sie sich freiwillig auf HIV hatten testen lassen. Die Rate der Vergleichsgruppe, die sich lediglich über Safer Sex informiert hatte, lag deutlich über jener der HIV-Getesteten, berichtete Thomas Coates, Direktor des Aidsforschungsinstituts an der University of California (San Francisco). Offenbar steigere der Test das Problembewusstsein deutlich. Auch für arme Länder schneide die Methode im Kosten-Nutzen-Vergleich sehr gut ab. Die von vielen erhofften klaren Worte zum Zusammenhang von HIV und der grassierenden Aidsepidemie in Afrika sparte Mbeki jedoch aus. Noch am Nachmittag hatten die Organisatoren der Aidskonferenz, darunter Unaids und die Internationale Aids Gesellschaft (IAS) sowie der Präsident der Konferenz, Prof. Hosen Coovadia (Südafrika), auf ein eindeutiges Nein des Politikers zu der Theorie der so genannten Aids-Dissidenten gehofft, die einen Zusammenhang zwischen HIV und Aids leugnen. Mbeki kündigte vor Tausenden im Stadion von Durban an, ein von ihm einberufenes Expertengremium, zu dem auch Vertreter der Dissidenten- These gehören, werde bis zum Jahresende einen gemeinsamen Report vorlegen. Darin soll es unter anderem um die Zuverlässigkeit der gängigen HIV-Tests sowie die Verbesserung des Krankheitsüberwachungssystems gehen. Bis dahin werde die bereits laufende Aids-Kampagne fortgesetzt, die unter anderem Aufklärung vor ungeschütztem Sex sowie die Forschung nach Impfstoffen und antiviralen Medikamenten umfasse. Die Regierung zaudere nicht, sich der Herausforderung von HIV/Aids zu stellen, sagte Mbeki. Die grassierende Aids-Pandemie wird vor allem im südlichen Afrika die Lebenserwartung um bis zu 30 Jahre vermindern. Vorausgesetzt, es gibt keine durchschlagenden Therapie- oder Präventionserfolge, werden in Botswana, Namibia, Swasiland und Simbabwe die Menschen im Jahr 2010 durchschnittlich im Alter von etwa 30 Jahren sterben. Das entspreche in etwa der dortigen Lebenserwartung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, berichtete die US-Agentur für Internationale Entwicklung USAID am Montag auf der 13. Weltaidskonferenz in Durban (Südafrika). Schon von 2003 an werde die Bevölkerung in Botswana, Simbabwe und Südafrika schrumpfen - ohne Aids würde sie jährlich um bis zu 2,3 Prozent wachsen. In diesen drei Ländern wie auch in Namibia werden der Statistik zufolge in einem Jahrzehnt mehr Kinder an Aids sterben als an allen anderen Ursachen zusammen. Rund ein Drittel aller Babys von HIV-infizierten Müttern werden sich durch die Geburt oder Muttermilch anstecken. Schon jetzt sei in Simbabwe Aids für den Tod von 70 Prozent der Kinder verantwortlich, die vor dem fünften Geburtstag sterben, berichtet USAID. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de | ||