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06.07.2000

Klamme Achseln und nasse Hände: Wie sich Schwitzen vermeiden lässt

Oldenburg/Hamburg (Frank Rumpf) - Reichlich Schweißfluss hatte in grauer Vorzeit seinen guten Grund. Heute, in den Tagen von Großraumbüros, Geschäftskonferenzen und Dinnereinladungen, sind klamme Achseln und triefende Hände jedoch eher unangenehm. Vermehrtes Tropfen von der Stirn empfinden viele Menschen selbst bei brütender Sommerhitze als peinlich. So eng sollte man es zwar nicht sehen, raten Experten. Wem aber die körpereigene Transpiration wirklich zu viel wird, dem bieten sich verschiedenste Gegenmaßnahmen.

"Schwitzen dient der Temperaturregulation, es ist das Kühlsystem des Organismus", erklärt Professor Erhard Hölzle, Chef der Hautklinik an den Städtischen Kliniken in Oldenburg, die wichtigste Funktion der rund 2,5 Millionen Schweißdrüsen, die über den ganzen Körper verteilt sind. Doch der Klimaeffekt ist nicht die einzige Aufgabe. Die meisten Schweißdrüsen befinden sich auf Handflächen, Fußsohlen und unter den Armen. Die Ursache dafür liegt in der Evolutionsgeschichte, sagt Hölzle: "An Händen und Füßen half die vermehrte Feuchtigkeit seit jeher, besser greifen und laufen zu können."

Unter den Achseln wiederum trägt das Körpersekret - es besteht zu 98 Prozent aus Wasser, versetzt mit Kochsalz, Harnsäure, Fettsäuren und Sexualhormonen - zum individuellen Duft eines Menschen bei. "Hier wird noch viel spekuliert", sagt Hölzle. Der oft strenge Geruch könnte in der urzeitlichen Gesellschaft warnend gemeint gewesen sein, nach dem Motto "Aufgepasst, hier komme ich!". Er nützte aber vor allem auch dem genauen Gegenteil: einen Geschlechtspartner anzulocken.

Das gilt noch heute. Hölzle berichtet von einer Studie, in der Frauen verschiedene T-Shirts vorgelegt wurden, die eine Gruppe Männer über Nacht getragen und durchgeschwitzt hatte. Tatsächlich entdeckten die Probandinnen Hemden, deren Geruch ihnen zusagte. Zudem empfanden die Frauen vor allem jene T-Shirts als attraktiv duftend, die von Männern stammten, die ihnen genetisch sehr unähnlich waren. Offenbar hat die Nase bei der Partnerwahl eine wichtige Sortier-Funktion, vermutet Hölzle. Sie sorge dafür, dass ein möglichst großer Genpool für die Nachkommenschaft gesichert werde.

Schwitzen ist also ein normaler, nützlicher Vorgang. "Neben der Kühlung wirkt Schweiß auch reinigend", ergänzt Roland Scola, Chefarzt der Medizinischen Abteilung des Krankenhauses "Groß-Sand" in Hamburg-Wilhelmsburg. "Er ist gut für die Haut, die Poren werden durchspült, der Körper wird entschlackt."

Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung schwitzen aber zu viel - und leiden darunter, schätzt Scola. Bei manchen Menschen bilden sich großflächig feuchte Flecken auf Hemd und Bluse vor allem in Stresssituationen - so genanntes "emotionales Schwitzen". Bei anderen passiert es ohne äußeren Grund: "Sie sitzen entspannt zu Hause, blättern in einem Buch, und plötzlich läuft ihnen das Wasser in Strömen", sagt Hölzle. Welche Ausmaße dieses übermäßige Schwitzen - der Fachmann spricht von Hyperhidrose - annehmen kann, beschreibt Internist Scola: "Ich habe Patienten, die innerhalb weniger Minuten zwischen 50 und 100 Milliliter Wasser verlieren - das ist fast eine Kaffeetasse voll."

Art und Menge des Schwitzens haben viel mit Veranlagung zu tun, sagt Anita Rütter von der Poliklinik für Hautkrankheiten an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Aber auch das Alter spielt eine Rolle: Kinder schwitzen wenig; ebenso nimmt die Schweißbildung ungefähr ab 60 Jahren wieder ab. Schließlich kommt es auf den Trainingszustand eines Menschen an: Wer sich viel bewegt und sportlich ist, dem wird in der Regel weniger schnell das Wasser laufen als einem bequem lebenden "Couchpotato".

"Menschen, die unter Migräne, Schlafstörungen oder Wetterfühligkeit leiden, schwitzen ebenfalls oft mehr", hat Rütter beobachtet. Ebenso können hormonelle Umstellungen, Infektionen, Schilddrüsen- und Zuckererkrankungen oder sogar Tumorerkrankungen die Ursache sein. "Wer feststellt, dass er mehr schwitzt als früher, sollte zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen", rät Rütter.

Ist der Betroffene gesund und die körperliche Verfassung in Ordnung, kann eine gute Vorbeugung helfen. Erste und einfachste Methode: Schweißauslösende Dinge meiden. Scharfe Gewürze, heiße oder sehr kalte Speisen, aber auch Koffein, Tein und Alkohol sollten tabu sein. Hautarzt Hölzle rät ferner zu angepasster Kleidung: Natur- statt Kunstfasern und luftige Hemden könnten viel bewirken. Wer unter Fußschweiß leidet, sollte Lederschuhe oder möglichst oft Sandalen tragen. Forscher am Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West (DTNW) in Krefeld haben außerdem eine mit der Chemikalie Cyclodextrin behandelte Socke erfunden, die Schweiß binden helfen soll.

Und natürlich ist gute Körperhygiene wichtig: Wenigstens einmal täglich die betroffenen Stellen mit einer milden Seife waschen, Fußsprays und Deos benutzen, empfiehlt Rütter. Diese enthalten antibakterielle Mittel, die die lästige Geruchsbildung verringern.

Gute Erfolge gegen starke Achselnässe zeitigen auch Lösungen mit Aluminiumchlorid, sagt Hölzle. Sie sind in der Apotheke erhältlich und sollten zu 15 bis 20 Prozent aus Aluminiumverbindungen bestehen. Zwar ist der Stoff auch in manchen Deos aus dem Handel enthalten, aber in der Regel in zu schwacher Konzentration. Das Präparat wird über Nacht aufgetragen und verstopft die Schweißdrüsen.

Für Handflächen und Füße haben sich Stromanwendungen im Wasserbad bewährt - die so genannte Leitungswasser-Iontophorese. Der Hautarzt kann Geräte empfehlen, die sich für die Anwendung daheim eignen. Für noch stärkere Fälle setzen die Dermatologen Botulinumtoxin A ein, ein Nervengift, das in die Haut gespritzt wird und die Schweißdrüsen lähmt. Das ist jedoch aufwendig, unangenehm und muss nach einigen Monaten wiederholt werden, sagt Scola.

Scola rät schweren Fällen eher zu einer Operation. Bei der "thorakoskopischen Sympathektomie", die in Hamburg seit 25 Jahren praktiziert wird, werden die Nerven im Brustkorb durchtrennt, die die Schweißdrüsen der Achselhöhlen und der Hände steuern. Dazu muss der Patient für eine Woche in die Klinik, und wie bei jeder Operation besteht ein Risiko. Für Anita Rütter ist ein solcher Eingriff deshalb das "letzte Mittel". Sie bevorzugt stattdessen für Achseln und Hände die Behandlung mit Botulinumtoxin.

Informationen: Für stark schwitzende Menschen hat sich in Berlin die Selbsthilfegruppe Hyperhidrose e.V. gebildet. Sie ist erreichbar im Internet unter www.hyper-hidrose.de.

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