N A C H R I C H T E N

05.07.2000

Pillen aus dem Internet: Online-Einkauf kann schlimme Folgen haben

Hamburg (Sandra Hoffmann) - Eine Flasche Hustensaft, eine Packung Diät-Pillen und dazu zwei Schachteln Kopfschmerztabletten: Medikamente können im Internet inzwischen fast ebenso einfach wie Bücher oder CDs bestellt werden. Der Versandhandel mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln über das Netz ist in Deutschland zwar gesetzlich verboten. Doch wer will, kommt trotzdem jederzeit leicht an Pillen und Pülverchen heran - zum Schrecken von Ärzten, Apothekern und Verbraucherschützern.

Thomas Isenberg, Referent für Gesundheitsdienstleistungen bei der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in Berlin schätzt die Zahl der Cyber-Apotheker und Internet-Medikamentenhändler auf «mehrere Hundert». Die Palette reiche von der «Apotheke um die Ecke» mit eigener Homepage über europaweite Arzneimittel-Shops bis hin zu Anbietern aus Übersee, bei denen man in Deutschland nicht zugelassene vermeintliche Wundermittel bestellen kann.

Ganz neu auf dem virtuellen Gesundheitsmarkt ist zum Beispiel die Cyber-Apotheke unter www.0800DocMorris.com. Das Unternehmen mit Sitz in Kerkrade in den Niederlanden hat nach eigenen Angaben derzeit rund 350 Medikamente im Sortiment. In erster Linie handele es sich dabei um Arzneien für die Haus- oder Reiseapotheke und Langzeitmedikationen wie die Anti-Babypille. Den Kunden verspricht der Internet-Apotheker europaweit einheitliche günstige Preise und umfassenden Service.

Eventuelle Fragen sollen online über eine Gesundheitsberatung geklärt werden. Ein integrierter Erinnerungsservice meldet sich, wenn zum Beispiel die nächste Pillen-Bestellung fällig ist. Die georderte Ware wird dann per Bote innerhalb von 48 Stunden ins Haus geliefert. Zum Schutz der Patienten händige man rezeptpflichtige Medikamente nur gegen Einsendung des gültigen Rezepts aus, heißt es in Kerkrade. Auch handele man nur mit in Europa zugelassenen Original-Arzneimitteln.

Doch Experten warnen davor, den Versprechungen der vielen Internet-Apotheker blind zu vertrauen. «Finanziell lohnt es sich auf keinen Fall, rezeptpflichtige Medikamente über das Netz zu bestellen, weil die Kassen die Kosten in der Regel dafür nicht erstatten dürfen», warnt Thomas Isenberg. Und auch bei Arzneimitteln, die man ohnehin selbst bezahlen muss, sei der Spareffekt meist gleich null. Günstiger sei es stattdessen, in der Apotheke vor Ort nach so genannten Generika zu fragen. Das sind Medikamente, die den gleichen Wirkstoff wie teure Markenprodukte enthalten, unter einem anderen Namen aber billiger als das Original angeboten werden.

Zudem zeigen sich gerade in Notfällen die Grenzen des so sehr auf Schnelligkeit setzenden Mediums Internet: «Wenn jemand akut krank ist, kann er nicht darauf warten, dass seine Medikamente nach zwei Tagen per Post kommen», sagt Thomas Postina, Sprecher des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie in Frankfurt/Main. In der Apotheke dagegen könne man die gängigen Säfte, Tabletten und Pulver normalerweise gleich mitnehmen. Muss ein Mittel bestellt werden, betrage die Wartezeit meistens nur ein paar Stunden.

Dafür muss man allerdings persönlich in der Apotheke vorsprechen. Unter Adressen wie www.apoindex.de können sich Kunden zwar einen Überblick über Apotheken in ihrer Nähe verschaffen und sich gleich auf deren Homepages weiterklicken - Online-Shopping ist hier aber nur eingeschränkt möglich. Angeboten werden dürfen laut deutschem Gesetz nur Kosmetika, medizinische Hilfsmittel und Nahrungsergänzungsmittel.

Die ganze Bandbreite von Zahnpasta bis zum Bluthochdruck-Präparat kann innerhalb der Europäischen Union (EU) nur bei Cyber-Apotheken in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Irland geordert werden. Die Unterschiede beruhen auf der EU-Fernabsatzrichtlinie, nach der jedes Mitgliedsland selbst bestimmen kann, ob es den Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt oder nicht. In Deutschland hat man sich für eine strenge Linie entschieden. «Doch das länderübergreifende elektronische Angebot ist für die deutschen Behörden schwer zu kontrollieren», klagt das Bundesgesundheitsministerium in Berlin.

Bestelle man im Zuge eines virtuellen Einkaufsbummels Hustensaft oder Anti-Depressiva für den eigenen Bedarf, sei das zwar nicht strafbar. Im eigenen finanziellen und gesundheitlichen Interesse sollte man aber lieber die Finger davon lassen, warnen die Experten. «Auf vielen dieser Internet-Seiten wird reine Abzocke betrieben. Die Kunden bestellen, das Geld wird von der Kreditkarte abgebucht, aber die Ware nie geliefert», sagt Elmar Esser von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Eschborn bei Frankfurt. Chancen, sein Geld wiederzusehen, habe man dann kaum. «Briefkastenfirmen sind in diesem Bereich weit verbreitet», warnt Esser. Solche zweifelhaften Anbieter könnten von heute auf morgen aus dem Netz verschwinden und dann mit einer neuen Seite unter neuem Namen Kasse machen.

Im Prinzip sei es auch hoffnungslos, im Schadensfall oder bei einer Fehllieferung Haftungsansprüche durchzusetzen. Für die Verbraucherverbände gleicht das Medikamenten-Shopping im Internet deshalb einem «pharmazeutischen Roulette»: «Schätzungsweise fünf bis sechs Prozent der auf dem Markt befindlichen Medikamente sind Fälschungen, bei denen man nicht weiß, ob der Packungsinhalt wirklich dem aufgedruckten Wirkstoff entspricht», beschreibt Thomas Isenberg eine der Hauptgefahren. Immer wieder komme es auch vor, dass das Haltbarkeitsdatum abgelaufen sei oder der Beipackzettel fehle.

Doch nicht nur die mangelnde Seriosität vieler Anbieter gefährde die Gesundheit der Verbraucher. Sich ohne ärztliche Untersuchung mit Medikamenten zu versorgen, sei generell riskant. Denn hochwirksame Präparate könnten schwere Neben- oder Wechselwirkungen haben - über die herrscht bei vielen Cyber-Apothekern jedoch das große Schweigen.

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