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N A C H R I C H T E N

05.07.2000

Deutschland will weltweit Nummer Zwei in der Genomforschung werden: "Ewig Zeit haben wir aber auch nicht mehr"

Berlin (dpa) - Die Bundesregierung will der Genomforschung in Deutschland im kommenden Jahr einen entscheidenden Schub nach vorne verleihen. Die Biomedizin soll mit zusätzlich 54 Millionen Mark gefördert werden, kündigte Forschungs-Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen am Dienstag in Berlin an. In der vergangenen Woche hatten Forscher einen Durchbruch bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes verkündet.

Zusammen mit der Bioinformatik und der so genannten grünen Gentechnik werde die Projektförderung um 70 Prozent von jetzt 83 auf dann 144 Millionen Mark steigen, sagte Catenhusen. "Ich denke, dass wir damit den Spitzenplatz hinter den USA einnehmen werden." Zum Aktionsplan der Regierung gehörten die Etablierung weiterer Technologie- und Kompetenzzentren der Humangenomforschung, die Einrichtung von Netzwerken in der Mikroorganismus-Forschung sowie zusätzliche Kapazitäten in der Bioinformatik. Der nächste große Schritt sei die Entschlüsselung der Funktionsweise der schätzungsweise 44.000 menschlichen Gene.

Catenhusen forderte die Wirtschaft und die privaten Stiftungen auf, sich verstärkt auf diesen Feldern zu engagieren. Ferner wolle sich die Bundesregierung für europaweit klare Regel zu Gentests und der Nutzung individueller Gendaten einsetzen. "Wir brauchen das nicht übers Knie zu brechen", meinte Catenhusen, "aber ewig Zeit haben wir auch nicht mehr."

Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, begrüßte die Initiative der Regierung. "Sie wird uns entscheidend weiterbringen", sagte er. "Das Wissen über die genetische Information verändert unser Bild vom Menschen und wird die Entwicklung von Arzneimittel beschleunigen." "Das ist ein guter Tag für die Genomforschung in Deutschland", meinte auch Detlev Ganten, Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Großforschungseinrichtungen.

Die angekündigte Aufstockung der Mittel für die Genomforschung von 83 auf 144 Millionen Mark im Jahre 2001 ist auch vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) begrüßt worden. Dies setze ein wichtiges Signal für die technologische Zukunftsfähigkeit Deutschlands, teilte der Verband am Mittwoch in Berlin mit.

Jetzt gehe es darum, dass Deutschland auf diesem wichtigen Technologiefeld der Zukunft nicht zurückfalle, hieß es in der BDI- Stellungnahme. Die deutsche Humangenomforschung müsse auch weltweit in die Spitzenklasse aufrücken. In der vergangenen Woche hatten Forscher des öffentlichen Humangenomprojekts und der privatwirtschaftlichen US-Firma Celera die fast vollständige Entschlüsselung aller Gen-Orte (Sequenzierung) des menschlichen Erbgutes verkündet.

BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel und der Vorsitzende des BDI- Ausschusses für Forschungs- und Technologiepolitik, Klaus-Dieter Vöhringer, hatten das am 1. Juli veröffentlichte "Memorandum zur Humangenomforschung" mit unterschrieben, das sich für verstärkte deutsche Anstrengungen auf diesem Gebiet einsetzt.

Einvernehmen bestehe unter Wissenschaftlern und der Regierung, dass die Bestimmung von Gen-Orten allein nicht patentfähig sei. "Erst wenn die Wirkung eines Gens und sein möglicher medizinischer Nutzen bekannt ist, sollte ein Patent erteilt werden", sagte Ganten. "In Europa wird es kein Patent auf die Rohsequenz geben", bestätigte auch Staatssekretär Catenhusen.

Unterdessen wird über die Umsetzung der EU-Biopatent-Richtlinie in deutsches Recht diskutiert. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sprach sich am Dienstag in Berlin für die Übernahme der EU-Konvention aus. "Die Richtlinie schafft den benötigten Investitionsschutz für die Entwicklung gentechnischer Arzneimittel", sagte Geschäftsführerin Cornelia Yzer.

Die SPD-Bundestagfraktion hingegen lehnt die Richtlinie ab. "Dem 'Patent auf Lebewesen' müssen unmissverständlich ethische Grenzen durch die Politik gesetzt werden", meinte Wolfgang Wodarg, SPD- Sprecher in der Enquete-Kommission Recht und Ethik der modernen Medizin. Bei der Richtlinie geht es um die Patentierung der menschlichen Gene - von den rund 100.000 menschlichen Genen sind bereits etwa 20 Prozent weltweit patentiert.

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