N A C H R I C H T E N 04.07.2000 Aidsforscher Kurth: Nur Impfstoffe können Aidsproblem lösenHamburg (dpa) - Um eine drohende Aidsepidemie abzuwehren, muss nach Ansicht des Wissenschaftlers Prof. Reinhard Kurth mit Hochdruck weiter an der Entwicklung von Impfstoffen gearbeitet werden. "Bislang ist nicht ein einziger Mensch dauerhaft geheilt. Die Epidemie ist nur durch eine präventive Impfung in den Griff zu bekommen", sagte der Direktor des Robert Koch-Instituts (Berlin) in einem dpa-Gespräch. Zurzeit würden weltweit etwa 20 Impfstoffe im Tierversuch geprüft - bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.Einige Substanzen haben nach Ansicht des renommierten deutschen Aidsforschers jedoch gewisse Chancen, einmal einen Schutz vor der Immunschwächekrankheit zu bieten oder zumindest ihren Verlauf zu verzögern: Vielversprechend liefen derzeit Tierversuche mit dem HIV- Protein TAT. Dieses Eiweiß legt normalerweise sehr schnell nach der Infektion die Immunabwehr des Körpers lahm und macht auch die Nachbarzellen der attackierten Zelle porös, so dass HIV auch dort schneller eindringen kann. Durch die Impfung wird dies unterbunden. Die aufwändige und nach wie vor nebenwirkungsreiche medikamentöse Behandlung der Immunschwäche sei mittlerweile deutlich einfacher zu handhaben. "Die Hersteller packen mehr Substanzen in eine Tablette, so dass nicht mehr 20 bis 30, sondern nur noch acht bis zehn Tabletten pro Tag geschluckt werden müssen." Dennoch ist der Mix aus mehreren Mitteln, die wichtige Enzyme des HI-Virus lahm legen, nach Ansicht Kurths nicht ohne Haken. Zum einen zeige sich immer häufiger, dass Erreger Resistenzen gegen die Medikamente entwickeln. Mittelfristig stehe die Wirksamkeit der zurzeit praktizierten Kombinationstherapie somit in Frage. Zum anderen komme der weitaus größte Teil der HIV-Positiven sowieso nicht in der Genuss einer solchen Hilfe - weil sie zu teuer ist. Für die Infizierten in Afrika seien die erforderlichen Medikamente auch nach den 90-prozentigen Preisnachlässen der Pharmafirmen nicht zu bezahlen. Es sei deshalb umso wichtiger, dass zumindest HIV- infizierte Schwangere Zugang zu dem Mittel AZT bekämen, mit dem die Ansteckung des Kindes fast immer vermieden werden kann, forderte Kurth. Dieses Mittel zu verweigern, wie es zurzeit in Südafrika geschieht, weil AZT von den staatlichen Verantwortlichen als giftig oder sogar Aids erregend eingestuft wird, ist für den deutschen Experten nicht nachvollziehbar. Umso mehr gelte: "Wir müssen die Regierungen überzeugen, mehr Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen, um eine Katastrophe zu verhindern. Prävention ist unerlässlich." Wie Aidsviren die Zellen kapern - Viele Medikamente, keine Heilung In den vergangenen Jahren haben Mediziner weltweit eine Reihe von Medikamenten gegen Aids-Viren entwickelt. Eine vollkommene Heilung ist aber noch nicht nachgewiesen. Erste Impfstoffe werden klinisch getestet - bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Angriffsziel der Medikamente sind Virenenzyme, mit denen der Erreger in die Zelle eindringt und sich vermehrt. Gelangt das Virus durch infiziertes Blut, Sperma oder Vaginalsekret in den Körper, dockt es zunächst an Abwehrzellen an. Strukturen auf der Virenhülle schnappen mit der Abwehrzelle zusammen wie ein Druckknopf. Aus dieser Hüllsubstanz, dem gp120, versuchen Forscher einen Impfstoff gegen Aids herzustellen. Bislang ist allerdings noch keiner davon marktreif. Hat sich das Virus an die Zelle geheftet, dann schlüpft es hinein und lässt sein Erbgut frei. Im Gepäck hat es ein Enzym, die Reverse Transkriptase, mit der es sein Erbgut in menschenähnliche Gene umschreibt. Hier greifen Medikamente wie AZT, ddC, ddI, 3TC oder d4T an. Sie hemmen das Enzym Reverse Transkriptase. Ist es dem Virus jedoch gelungen, seine Gene umzuschreiben, dann werden sie in das menschliche Erbgut eingebaut und abgelesen. Folge: Die Abwehrzelle ist gezwungen, neue Aidsviren zu produzieren anstatt sie zu bekämpfen. Daher versuchen Mediziner mit weiteren Wirkstoffen, den Einbau der Virengene in das menschliche Erbgut zu verhindern, etwa indem sie das bei der Integration mitwirkende Enzym Integrase attackieren. Andere Enzyme, die so genannten Proteasen, behindern schließlich den Zusammenbau der Virushülle. Hier greifen die so genannten Proteasehemmer an, die vor allem in Kombination mit anderen Wirkstoffen zunächst große Erfolge zeigten. Dieser Wirkstoffmix sollte verhindern, dass das Virus sich auf die Medikamente einstellen und resistent werden kann. Dennoch ist eine optimale Wirkstoffkombination bislang nicht gefunden, denn oft kommt es zu unangenehmen Nebenwirkungen. Bei vielen Patienten kann die Virenzahl zwar unter die Nachweisgrenze gedrückt werden. Unklar ist aber bislang, ob die Erreger in Organen wie etwa dem Gehirn überdauern und wie sie sich nach Absetzen der Medikamente wieder ausbreiten. Zudem wurden schon Viren nachgewiesen, die gegen mehrere Medikamente gleichzeitig resistent sind. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |