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04.07.2000

Aids-Aufklärung gegen die Katastrophe - erste Weltkonferenz in Afrika

Hamburg (Andrea Barthelemy) - 40 Millionen Einwohner hat Südafrika heute - wenn die Aidsepidemie dort weiter grassiert wie zur Zeit, werden es im Jahr 2015 zehn Millionen weniger sein. In Botswana, wo mehr als ein Drittel der Erwachsenen HIV-infiziert ist, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung schon heute bei nur noch 41 Jahren gegenüber 70 Jahren Anfang der 90er. "Was dort passiert, ist keine Krankheit, sondern eine Katastrophe, die die Gesellschaft zum Einsturz bringt", sagt der Aidsforscher Prof. Reinhard Kurth, Direktor des Robert Koch-Instituts in Berlin.

Massive Aufklärung und Prävention sind notwendig. "Breaking the Silence" lautet deshalb auch das Motto der 13. Weltaidskonferenz, die am Wochenende mit rund 10 000 Teilnehmern im südafrikanischen Durban beginnt - und die internationale Wissenschaftlergemeinde erstmals in Afrika, dem am stärksten von Aids betroffenen Kontinent, versammelt.

Doch ausgerechnet im Gastgeberland, dem Staat mit den meisten HIV- Infizierten weltweit, gibt es seit einigen Wochen eine bizarre Debatte über die Ursachen von Aids. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki hatte Thesen der so genannten Aids-Dissidenten aufgegriffen, wonach Rauschgifte und Aids-Medikamente die Krankheit auslösen und sie durch Mangelernährung gefördert wird. Mehr als 5 000 Wissenschaftler, darunter auch HIV-Entdecker Luc Montagnier (Paris) sowie RKI- Chef Kurth, bekräftigten daraufhin in einer vorab veröffentlichten "Durban-Erklärung", dass allein das HI-Virus die Immunschwächekrankheit ausbrechen lässt.

"Wir müssen die Regierungen überzeugen, dass sie mehr Maßnahmen ergreifen, um die Katastrophe zu verhindern", sagt Kurth und verweist auf das positive Beispiel Uganda. Dort war es durch intensive Aufklärungsarbeit im Verlauf einiger Jahre gelungen, die Rate der Neuinfektionen von 14 Prozent auf nunmehr acht Prozent aller Infizierten zu senken.

Eine Impfung, die auch in den armen Ländern eine bezahlbare Waffe gegen Aids wäre, ist weiterhin nicht in Sicht. Zwar laufen weltweit zurzeit Tierversuche mit rund 20 Substanzen und vereinzelt auch klinische Studien am Menschen. Von einem Durchbruch sind die Mediziner aber noch weit entfernt, berichtet Kurth. Die besten Erfolge haben die Forscher zurzeit mit so genannten Kombinationsimpfstoffen, bei denen zunächst die Erbsubstanz des HI- Virus und dann diverse Virus-Proteine verabreicht werden, um eine Immunantwort zu stimulieren.

Gute Chancen räumt Kurth einer Impfung mit dem Protein TAT ein, das sehr früh die Immunabwehr lahm legt und auch Nachbarzellen porös macht. Eine Gruppe französischer Forscher teste den TAT-Impfstoff zurzeit an Freiwilligen, die ersten Ergebnisse seien aussichtsreich, so Kurth. Die erhoffte Aids-Immunität durch eine hohe Zahl von T- Killerzellen, wie sie bei einer Gruppe kenianischer Prostituierter für Aufsehen gesorgt hatte, erwies sich inzwischen als nicht dauerhaft. "Doch allein die Tatsache, dass man überhaupt eine solche Immunantwort beim Menschen stimulieren kann, gibt Hoffnung", sagt Stephen Norley, Aidsforschungsleiter am Paul-Ehrlich-Institut in Langen.

In der Therapie hat sich für die HIV-Infizierten seit der Aids- Konferenz in Genf 1998 in erster Linie die Handhabung ihres umfangreichen Medikamentencocktails verbessert. Nach wie vor setzen die Forscher auf eine Dreierkombination aus verschiedenen Enzymhemmern. Bis zu 30 Tabletten mussten Patienten bislang nach einem penibel einzuhaltenden Tagesplan schlucken - durch die Kombination diverser Wirkstoffe in einer Pille sind deutlich weniger Tabletten nötig, was der Lebensqualität der Betroffen zu Gute kommt.

In Anbetracht der meist effektiv wirkenden Kombinationstherapie, die die Viren zwar nicht ausmerzen, sie aber lange Zeit unter die Nachweisgrenze drücken kann, haben HIV-Infizierte und Aidskranke in den westlichen Ländern eine immer höhere Lebenserwartung - auch wenn sie nach wie vor unter teilweise drastischen Nebenwirkungen zu leiden haben. "Das ist kein Aspirin", sagt Kurth. Dennoch: "Im Vergleich zu dem, was in Südafrika passiert, haben wir bei uns eine Insel der Seligen."

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