N A C H R I C H T E N 22.06.2000 (Fronleichnam) Ohne Druck zu Gott finden - Meditationen im Kloster NeresheimNeresheim, Ostalbkreis (Florian Oertel) - Sachte schlägt Pater Bernhard Dietrich den Gong - es kehrt Ruhe ein. Fünfzehn Frauen und Männer knien aufrecht im Kreis und schweigen. In ihrer Mitte flackert eine Kerze. Helles Sonnenlicht strahlt in den Meditationsraum der Abtei hoch über dem Städtchen Neresheim. Seit mehr als 30 Jahren kommen Menschen auf der Suche nach innerer Ruhe in das Benediktinerkloster auf der Ostalb, viele von ihnen immer wieder."Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr dabei", sagt Birgit Fuchs. Heute ist die Stuttgarterin 44 und besucht mit ihrer 13-jährigen Tochter Doro den Meditationskurs für Eltern und Kinder. Sie selbst ist gläubige Katholikin, während der Kurse seien Konfession und Weltanschauung jedoch Nebensache. "Es kommen sicher auch Leute hierher, die mit der Kirche nichts zu tun haben, aber danach fragt niemand", sagt sie. Ähnliches dachte sich auch Pater Beda Müller, als er 1968 damit begann, in der Abtei Meditationen anzubieten. "Wir wollen keinen Druck ausüben, ohne Freiheit funktioniert das Meditieren nicht", sagt der 86-jährige. Inzwischen betreuen er und seine zehn Mitarbeiter Jahr für Jahr mehrere Hundert Menschen auf dem Weg zur inneren Einkehr. Rund 70 Veranstaltungen sind heuer in dem kleinen grünen Programmheftchen der Abtei verzeichnet, vom Einführungskurs mit meditativem Tanz bis zur Atemtherapie. Unter den Gästen seien besonders viele Lehrer, Ärzte und Beamte, sagt Pater Beda. "Das sind Menschen, die ihre beruflichen und familiären Ziele oft schon erreicht haben und sich fragen: Ist das jetzt mein Leben gewesen?" Jugendliche ohne Eltern kämen seit den frühen 70er Jahren nur noch selten nach Neresheim. "Damals war das Meditieren in, später sind die jungen Leute dann weggeblieben." Dauerten die meisten Kurse anfangs nur ein Wochenende, erstrecken sie sich nun in der Regel über vier Tage. Viele Teilnehmer brauchten etwas länger, um zur Ruhe zu finden, weiß Pater Beda inzwischen. Herzstück der Kurse ist eine Abwandlung der fernöstlichen Zen-Meditation, die der Psychotherapeut Graf Dürckheim nach Europa gebracht hat. "Diese Methode beruht auf der Beobachtung des Atems und wenigen Worten, die man mit dem Atem verbindet." Zwischen den Meditationen ist Zeit für Körperübungen und Gespräche. Eine spezielle Ausbildung hat Pater Beda nicht erhalten, aber mehrere Kurse mitgemacht und dabei gelernt. "Außerdem meditieren wir Mönche ja schon immer, wenn auch mit der Bibel". Ziel aller Veranstaltungen sei, alltägliche Sorgen und Pläne zurückzunehmen und so zu sich selbst und schließlich zu Gott zu gelangen, erläutert Pater Beda, der im Juni sein 60-jähriges Priesterjubiläum feiert. "Viele finden hier, was sie suchen." Birgit Fuchs zum Beispiel bei der Eltern-Kind-Meditation: "Aus den Kursen ergeben sich neue Energien, neue Ideen, mehr Erkenntnis", erzählt sie beim abschließenden Mittagessen, kurz bevor Pater Bernhard die Gruppe mit einem Reisesegen verabschieden wird. "Was auch immer es ist", fügt sie hinzu, "auf jeden Fall ist es positiv". © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |