N A C H R I C H T E N 21.06.2000 Wenn im Alter noch mal Zähne nachwachsen: Gentechnologie unterstützt natürliche Fähigkeit zur SelbstreparaturNew York (Gisela Ostwald) - Neue Zähne zu bekommen, soll in Zukunft nicht nur Kindern vorbehalten bleiben. US-Forscher in Texas entwickeln ein Verfahren, das ein Leben lang - und selbst im hohen Alter - Zähne nachwachsen lässt. Ein Team in Gaithersburg (US-Staat Maryland) hat biotechnologisches Füllmaterial gefunden, das Löcher stopft und dabei den Zahn von innen regeneriert: Kariesbekämpfung von morgen. Die gleiche Gruppe am Paffenbarger Forschungsinstitut will Kaugummi und Zahnpasta mit einer Mischung aus Kalzium und Phosphat anreichern und damit Zahnverfall vorbeugen.Was der amerikanische Verband der Zahnmediziner (ADA) Journalisten jüngst als Praxis der Zukunft vorstellte, klang fast wie ein Märchen. Es beginnt mit der ersten Computer gesteuerten Betäubungsspritze, die ganz langsam verabreicht wird und nach Worten von Ronald Goldstein garantiert keinen Schmerz mehr aufkommen lässt. Goldstein ist Professor für Orale Rehabilitation an Universitäten in Georgia, Massachusetts, Kalifornien und Texas. Viele neue Strategien bauen auf Erkenntnissen der Genforschung auf, so die Wiederherstellung zerstörten Zahnschmelzes von der Pulpa, dem Inneren des Zahnes, aus. "Zähne haben die natürliche Fähigkeit, sich selbst zu reparieren", sagte Mary MacDougall von der Universität von Texas in San Antonio der dpa bei einer ADA-Veranstaltung in New York, "nur unterstützen unsere jetzigen Methoden neues Wachstum nicht". Was sie vor Augen hat und derzeit im Labor oder auch schon an Tieren erprobt, wird allerdings noch Jahre bis Jahrzehnte brauchen, bevor es die Zahnartpraxis erreicht. Der Gewinn wäre gewaltig. Außer gesundheitlichen und persönlichen Vorteilen für die Patienten haben Zahnmediziner und Politiker auch harte Zahlen im Sinn. Mehr als zehn Milliarden Dollar kosten die Behandlungen von Zahnproblemen jedes Jahr allein in den USA, sagt MacDougall. Entsprechend groß sei das Interesse Washingtons, die Suche nach gentherapeutischen Wegen zur Prävention finanziell zu fördern. Mit den Mitteln gelang es unter anderem, zwei Gruppen von Genen auszumachen, die für mangelnden Zahnschmelz und Mängel an Dentin, der inneren Hülle des Zahns, verantwortlich sind. Andere genetische Funde dürften bald ermöglichen, eine Art Kitt aus körpereigenen Zellen zu produzieren. Er soll Kieferknochen auffüllen und festigen, die durch Unfall, Krankheit oder Alter ihren Halt verloren haben. Ein ähnliches Verfahren soll Erwachsenen einmal zu neuen eigenen Zähnen verhelfen. Aus der DNA von Patienten können die US-Forscher um MacDougall im Labor bereits "alle Zellen entwickeln, die zusammen einen Zahn ergeben". Das Gewebe wollen sie mit einer Nährlösung in Zahnlücken injizieren oder auf das Fragment auftragen, das von einem alten Zahn übrig geblieben ist: "Zahnersatz der nächsten Generation", sagt die Forscherin. Bruce Baum und Kollegen an den US-Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH) reaktivieren - per Gentransfer - die Produktion von Speichel bei Patienten, deren Drüsen durch Krebstherapie oder Erbkrankheit ihren Dienst eingestellt haben. Als nächstes will das Team gesunde Speicheldrüsen mit fremden Genen injizieren. Deren Eiweißprodukte könnten dann mit dem Speichel in den Magentrakt gelangen und dort genetische Störungen korrigieren - oder auch vom Magen aus an andere Krankheitsherde im Körper gelangen. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |