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16.06.2000

AOK sieht noch Sparreserven von bis zu 25 Milliarden Mark - Ärzte leisten insgesamt 50 Millionen Überstunden ohne Bezahlung und Freizeitausgleich

Berlin/Mannheim (MEDI-Report) - Im Gesundheitswesen ließen sich nach Ansicht der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) noch bis zu 25 Milliarden Mark einsparen, ohne dass die medizinische Qualität leidet. Für die AOK stehe fest, dass im 250 Milliarden Mark schweren Markt der Gesetzlichen Krankenversicherung "Wirtschaftlichkeitsreserven von bis zu zehn Prozent vorhanden sind", sagte ihr Vorstandsvorsitzender Hans Jürgen Ahrens laut Redetext bei einem AOK-Seminar in Berlin.

Ahrens widersprach Klagen von Ärzten, Apothekern und anderen Heilberufen über zu wenig Geld und verwies auf eine OECD-Studie. Danach sei das deutsche Gesundheitswesen nur durchschnittlich gut, aber übermäßig teuer. "Bildlich gesprochen geben die Deutschen das Geld für einen Luxuswagen aus, erhalten dafür allerdings nur ein funktionsfähiges Mittelklassefahrzeug." Deutschland gebe mehr als andere Staaten für die Gesundheit aus. "Mit 10,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat Deutschland in Europa eine Spitzenposition erklommen und wird nur noch von den USA (14 Prozent) übertroffen."

Grund sei eine Überversorgung in fast allen Bereichen. Allein bei Arzneien sieht der AOK-Bundesverband ein Sparpotenzial von noch 7,8 Milliarden Mark. Ein Abbau der Überkapazitäten im ambulanten und stationären Bereich könne weitere Milliardenbeträge sparen. "Im deutschen Gesundheitswesen gibt zu viele Ärzte." Von 1992 bis Ende 1998 sei die Zahl der Kassenärzte um 18 Prozent und damit sehr viel schneller als die Zahl der Einwohner gestiegen.

Ähnlich sehe es im Krankenhausbereich aus. In den Niederlanden habe es 1997 pro 1.000 Einwohner 3,8 Klinikbetten gegeben und in Frankreich 4,3 Betten. In Deutschland würden dagegen pro 1.000 Einwohner 6,6 Klinikbetten bereit gehalten. Zugleich werde teilweise zu viel behandelt. "In Deutschland werden 60 Prozent mehr Herzkatheter gelegt als in den Niederlanden, 160 Prozent mehr als in Frankreich. Es werden drei Mal so viele Ballon-Dilatationen durchgeführt wie in Schweden und 80 Prozent mehr als in Frankreich."

Auch eine bessere Sicherung der medizinischen Qualität könne Kosten sparen und Leiden verhindern, sagte der Vorsitzende des AOK- Verwaltungsrates, Peter Kirch. In Deutschland werde jährlich etwa 28.000 Zucker kranken Patienten ein diabetischer Fuß amputiert. "Nach Schätzungen von Diabetologen könnte jede dritte dieser Amputationen vermieden werden, wenn die Füße der Diabetiker regelmäßig auf Verletzungen hin untersucht würden."

Kirch widersprach aktuellen Prognosen, wonach die Kassenbeiträge in den nächsten Jahrzehnten auf 23 Prozent und mehr hochschnellen könnten. Zwar steige die Zahl älterer Menschen. Mit einem Ausbau der Prävention ließe sich aber verhindern, dass dies automatisch zu stark steigenden Kosten führe. Die Menschen blieben bei wirksamer Vorsorge auch länger gesund. Die Politik müsse aber bereits heute die Weichen stellen und die Prävention massiv fördern. Dies werde dann in zehn, 20 Jahren Geld sparen. Kirch bestritt auch, dass der medizinische Fortschritt automatisch die Kosten hochtreibt. Dies sei ein "vor allem von Ärzten und manchen Politikern gern erzähltes Märchen".

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW/Berlin) hatte in einer am Donnerstag vorgelegten Studie einen Anstieg der Kassenbeiträge von heute 13,6 auf rund 23 Prozent bis 2040 vorausgesagt. Vor allem der medizinische Fortschritt werde die Kosten hochtreiben, meinte das DIW. Dagegen werde die wachsende Zahl älterer Menschen die Kassen weniger belasten als vielfach angenommen.

Montgomery: Arbeitsmarktchancen für junge Ärzte weiter schlecht

Junge Mediziner haben auf dem Arbeitsmarkt weiter schlechte Karten. Im vergangenen Jahr habe es bei 12.800 Studienabsolventen lediglich einen Nettozuwachs von 3.000 Stellen für Ärzte gegeben, sagte Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Marburger Bundes, am Freitag in Mannheim. Etwa 8.000 bis 9.000 Ärzte seien bei der Bundesanstalt für Arbeit arbeitslos gemeldet. Die Dunkelziffer liege jedoch vermutlich wesentlich höher. "Wir gehen von etwa 15.000 arbeitssuchenden Ärzten aus." Besonders Ärztinnen seien weiter benachteiligt. In Mannheim wurde am Freitag der dritte "Via Medici"-Kongress für junge Mediziner eröffnet.

Während viele junge Mediziner verzweifelt nach einer Stelle suchen, müssen diejenigen in Lohn und Brot immer mehr arbeiten. 1999 hätten die Ärzte in Deutschland insgesamt 50 Millionen Überstunden ohne Bezahlung und Freizeitausgleich geleistet, hieß es in einer Pressemitteilung zu dem Kongress. Die "rechtlichen Rahmenbedingungen" zum Schutz vor Überanspruchung würden häufig außer Acht gelassen. Montgomery und Ärztekammerpräsident Jörg Dietrich Hoppe empfahlen dem medizinischen Nachwuchs, sich auch nach anderen Berufen umzusehen oder - zumindest vorübergehend - eine Tätigkeit im Ausland zu erwägen.

Gute Chancen hätten deutsche Ärzte in Frankreich, sagte Michel-Leopold Jouvin, Krankenhausdirektor aus der Region Champagne-Ardenne. In vielen Regionen des Nachbarlands würden händeringend Ärzte gesucht, "Die Situation ist fast überall gleich, außer in Paris und im Südosten. Die Arbeitsmöglichkeiten sind sehr groß." Jouvin war eigens zu dem Kongress angereist, um für Champagne-Ardenne nach Nachwuchskräften zu suchen.

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