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15.06.2000

Heilen mit spitzer Nadel: 30.000 Ärzte wenden Akupunktur an

Berlin/München (Norbert Schnorbach) - Ein feines Pieksen in die Haut, ein flaues Taubheitsgefühl um die Einstichstelle und nach einigen Minuten dann Entspannung und Befreiung: So soll es sich anfühlen, wenn ein Akupunkturspezialist die Nadeln setzt. Die fernöstliche Heilkunst erlebt zurzeit in Deutschland einen Höhenflug. Immer mehr Patienten wollen die Nadel-Therapie gegen Schmerzen, Asthma oder Allergien kennenlernen oder haben schon gute Erfahrungen damit gemacht.

Nach Angaben der Akupunktur-Fachverbände sind rund 30.000 Ärzte und 5.000 Heilpraktiker in Deutschland in Akupunktur ausgebildet. Auf etwa eine Milliarde Mark wird die Honorarsumme geschätzt, die Patienten und Krankenversicherungen pro Jahr für Akupunktur zahlen. Mehrere Kliniken haben sich auf Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) spezialisiert, etwa in Bad Füssing und Kötzting (Bayern), Altenberg (Sachsen), Mettlach (Saarland), Bad Pyrmont (Weserbergland) und Badenweiler (Schwarzwald). Sie haben großen Zulauf und lange Wartezeiten für stationäre Behandlungen.

Wie die Akupunktur auf den Körper wirkt, ist der abendländischen Wissenschaft immer noch ein Rätsel. Die Nadeln reizen die Leitbahnen (Meridiane) der Lebensenergie (Qi) und beseitigen Störungen des Energieflusses, so lehren chinesische Ärzte es seit 2.500 Jahren. Ihr Ziel ist das harmonische Zusammenspiel der Organe und die Balance der Gegensätze Yin und Yang, kalt und heiß, feucht und trocken, innen und außen. Hunderte millimeterkleiner Reizpunkte auf dem Körper sind in den alten Lehrbüchern der Medizin-Klassiker in China verzeichnet.

Dass diese Punkte existieren und dass ihre Reizung durch Nadeln, Druck (Akupressur) und Wärme (Moxibustion) eine heilsame Wirkung hat sowie gegen bestimmte Krankheiten gute Dienste leistet, gilt mittlerweile auch in der westlichen Wissenschaft als erwiesen. Bemerkenswerte Erfolge werden insbesondere bei Rheuma, Migräne, Neurodermitis, Zahnschmerzen, Schwangerschafts-Übelkeit, Bronchitis, Schlaganfall und Allergien beobachtet.

Allerdings warnen die Experten davor, Akupunktur zu überschätzen und als Wundermittel zu betrachten. Wer Hilfe gegen alle Krankheiten von A bis Z erwarte, sei falsch beraten, sagt Helmut Rüdinger vom Vorstand der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGFA) in München. "Der heutige Stand der Wissenschaft ist, dass die Wirksamkeit der Akupunktur bei mehreren Krankheitsbildern eindeutig bewiesen ist", sagt Rüdinger. "Bei verschiedenen anderen Indikationen ist sie zweifellos wirksam, aber noch nicht ausreichend untersucht."

Zweifel an der Wirksamkeit der Akupunktur beantwortet die Deutsche Akupunktur-Gesellschaft in Düsseldorf mit dem Hinweis auf die wissenschaftliche Anerkennung in den USA. Dort wurde die Akupunktur von den Zulassungsbehörden in die Kategorie der wirksamen und sicheren Behandlungen aufgenommen. Umfangreiche Studien der National Institutes of Health (NIH) belegten die Wirksamkeit der Akupunktur bei einer Reihe von Krankheiten. Darüber hinaus hat auch die Weltgesundheitsorganisation WHO schon vor Jahren eine Liste von Krankheiten veröffentlicht, bei denen Akupunktur zu empfehlen ist.

In China selbst, wo schon mehrere tausend deutsche Ärzte und Heilpraktiker zur Aus- und Fortbildung waren, ist die Nadel-Therapie außerordentlich populär. Sie wird, wie die Spezialistin Professor Sun von der An-Zhen-Klinik in Peking sagt, nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung zur westlichen Medizin gesehen.

In Deutschland hat der Höhenflug der Akupunktur erst in den vergangenen Jahren eingesetzt. Die rasant steigende Nachfrage der Patienten löste dabei auch einen Streit über die Kosten aus. Zurzeit ist es so, dass einige Krankenkassen - darunter die AOK Rheinland, die BKK Post und die Securvita BKK - die Akupunktur erstatten. Andere Kassen übernehmen die Kosten nach Prüfung des Einzelfalls und nur bei bestimmten Krankheiten. Nun aber wollen Gesundheitspolitiker und Ärztefunktionäre die Nachfrage bremsen.

In Kürze - vermutlich Anfang Juli - wird der Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen darüber beraten, die Kostenerstattung für Akupunktur zu beschneiden oder völlig aus der Gesetzlichen Krankenversicherung ausschließen. Die große Mehrheit der Deutschen, die gesetzlich krankenversichert sind, müsste dann Akupunktur aus der eigenen Tasche bezahlen. Besser dran wäre nur noch, wer eine Zusatzversicherung für Naturheilverfahren hat oder privat versichert ist.

Unbefriedigend für die Patienten ist derzeit noch die unterschiedliche Qualität der Ausbildung. Schlecht ausgebildete Akupunkteure können nicht nur ihren Patienten, sondern auch dem Ruf der Akupunktur insgesamt schaden, befürchten die Fachverbände. Mit Ärzteorganisationen und Krankenkassen sind deshalb Gespräche im Gang, um Mindeststandards für Akupunktur-Diplome zu vereinbaren.

Dann wird auch für Patienten durchschaubarer, wie gut ein Akupunkteur ausgebildet ist: Wer ein Diplom A vorweisen kann, hat mindestens 140 Stunden Ausbildung, mit Diplom B 350 Stunden. "In China studiert ein Akupunkteur fünf Jahre lang an der Universität", sagt Andreas Noll aus Berlin, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (AGTCM). "Hier zu Lande gibt es Leute, die nach zwei Wochenendkursen meinen, sie könnten jetzt ihre Patienten mit Nadeln behandeln. Wir halten 750 Stunden qualifizierte Ausbildung für das Minimum."

Weitere Informationen:
Akupunktur-Zentrum Stuttgart, Waldburgstr. 122, 70563 Stuttgart (0700-AKUPUNKTUR - 0700-25878658, Internet: www.akupunktur-zentrum.de),
Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGFA), Würmtalstraße 54, 81375 München (Tel.: 089/710 05 11, Internet: www.daegfa.de),
Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (AGTCM), Wisbacherstrasse 1, 83435 Bad Reichenhall (Tel.: 08651/69 09 19, Internet: www.agtcm.de),
Deutsche Akupunktur Gesellschaft, Goltsteinstraße 26, 40211 Düsseldorf (Tel.: 0211/36 90 99, Internet: www.akupunktur-aktuell.de).

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