N A C H R I C H T E N 13.06.2000 WHO nennt viele Antibiotika noch so wirksam wie Bonbons: Immer mehr Bakterienstämme sind resistentGenf (dpa) - Durch den falschen Einsatz von Antibiotika sind in den vergangenen zehn Jahren weltweit zahlreiche Bakterienstämme entstanden, gegen die es kaum noch wirksame Medikamente gibt. "Viele lebensrettende Arzneimittel, die vor 20 Jahren noch hochwirksam waren, helfen heute noch ungefähr so viel, wie wenn der Patient ein Bonbon lutscht", heißt es in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. So hätten Labortests gezeigt, dass bereits 70 Prozent der für den Ausbruch von Lungenentzündung verantwortlichen Bakterien gegen mindestens ein Antibiotikum immun sind.In Europa und den USA gibt es laut WHO immer weniger wirksame Antibiotika zur Bekämpfung von Salmonellen und anderen Bakterien, die vor allem in Krankenhäusern übertragen werden. Auch bei Patienten mit Hepatitis B und C oder Tripper helfen die meisten traditionellen Antibiotika nicht mehr. Nach Angaben der WHO sind inzwischen 98 Prozent der Tripper-Bakterienstämme in Südostasien resistent gegen Penizillin. In einzelnen Fällen treten Resistenzen auch schon bei den Bakterienstämmen der Tuberkulose auf. Als Hauptgründe für die zunehmende Wirkungslosigkeit der einstigen Wunderwaffe Antibiotika nennt die WHO in ihrem Bericht die mangelnde Forschung der Pharmakonzerne auf diesem Gebiet, die von Ärzten oder Patienten verschuldete übertriebene oder nicht ausreichende Einnahme von Antibiotika sowie die Verwendung von Antibiotika als Wachstumsmittel in der Tierzucht. Die Entstehung von widerstandsfähigen Krankheitserregern, die auf bestimmte Medikamente plötzlich nicht mehr ansprechen, ist im Prinzip ein normaler Prozess. Durch Fehldiagnosen, falsche Anwendung und das Eindringen von Antibiotika in die menschliche Nahrung ist dieser Prozess jedoch in den vergangenen drei Jahrzehnten immer mehr beschleunigt worden. Die Wirkungsdauer eines Antibiotikums liegt deshalb laut WHO heute nur noch bei durchschnittlich vier Jahren. Als mögliche Strategien gegen die zunehmende Verbreitung antibiotika-resistenter Bakterienstämme empfiehlt die WHO Aufklärungskampagnen, die Ärzte und Patienten vom übertriebenen Einsatz von Antibiotika abbringen sollen. Außerdem sollen Antibiotika, die zur Therapie von Krankheiten beim Menschen dienen können, nicht mehr in der Tierzucht eingesetzt werden, wie dies die EU bereits 1998 beschlossen hat. So sei die Resistenz gegen das "Notfall-Medikament" Vancomycin in Deutschland und Dänemark nach dem Verbot von Avoparcin als Wachstumsmittel für Geflügel bereits zurückgegangen. Wichtig ist nach Ansicht der WHO auch die Zusammenarbeit von Gesundheitsbehörden und Pharmafirmen bei der Entwicklung von neuen Antibiotika, ein Forschungszweig, der in den vergangenen 30 Jahren stark vernachlässigt worden sei. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |