N A C H R I C H T E N 09.06.2000 Weltweit sterben jährlich 17 Millionen Menschen an Infektionen: Gewinn kommt vor Gesundheit und HumanitätBerlin (dpa) - Weltweit sterben jährlich 17 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten, die behandelt werden könnten. Längst im Griff geglaubte Seuchen wie Tuberkulose, Malaria oder Schlafkrankheit breiten sich wieder in erschreckendem Maße aus, teilte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenze am Donnerstag auf ihrer Jahrespressekonferenz in Berlin mit. Gerade in ärmeren Ländern laute die Diagnose oft "unbezahlbar krank", sagte die Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion, Gundula Epp-Graack. "Das kommt einem Todesurteil gleich."Die zum Stillstand gekommene Forschung und Entwicklung von Medikamenten gegen Tropenkrankheiten müsse angekurbelt werden. Handelsbarrieren für ärmere Länder sollten abgebaut werden. Von 1 223 Medikamenten, die von 1975 bis 1997 entwickelt wurden, seien nur 13 zur Behandlung von Tropenkrankheiten geeignet. "Mit Lifestyle- Medikamenten wie Viagra oder Schlankheitspillen lässt sich eben mehr Geld verdienen", sagte Epp-Graack. In Afrika wird laut Angaben nur ein Prozent aller weltweit produzierten Medikamente verkauft, in Europa, Japan und den USA zusammen 80 Prozent. Viele Präparate seien auf Grund 20-jähriger Patentrechte außerdem zu teuer, Aids-Präparate im südlichen Afrika praktisch unbezahlbar. Beispielsweise koste die Tagesdosis Fluconazol gegen Hirnhautentzündung in Südafrika rund 17,8 Dollar (etwa 36 Mark). Das sei dort mehr als das Doppelte des täglichen Durchschnittseinkommens. Gegen die Schlafkrankheit müsse teilweise ein 70 Jahre altes Mittel eingesetzt werden, an dessen Nebenwirkungen fünf Prozent der Patienten sterben. Die Organisation hat deshalb die Kampagne "Besserer Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten" gestartet. Die Organisation, die im Vorjahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, setzt ihr Preisgeld von rund 1,8 Millionen Mark für die Kampagne ein. Auch ärmere Ländern müssten das Recht erhalten, Medikamente günstig einzukaufen oder selbst herstellen zu dürfen, hieß es an die Adresse westlicher Regierungen. Harte Kritik übte Geschäftsführerin Ulrike von Pilar an der Bundesregierung in Bezug auf den Kosovo-Krieg im Vorjahr. "Humanitär ist eines der am heftigsten missbrauchten Wörter geworden." Das Militär sei kein humanitärer Akteur. Sie forderte eine strikte Trennung militärischer und humanitärer Aufgaben. Die weltweite Hilfsorganisation wurde 1971 in Frankreich gegründet. Die deutsche Sektion kam 1993 hinzu. Sie finanzierte im Vorjahr überwiegend aus Spenden von 23,5 Millionen Mark 30 neue Projekte. Über 100 Einsätze von Ärzten und Mitarbeitern in 40 Ländern wurden organisiert. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |