N A C H R I C H T E N 09.06.2000 Neues Computer-Kniegelenk: Abends kommt die Batterie ans LadegerätBerlin (Jutta Schütz) - Abends vor dem Schlafengehen kommt die Batterie ans Ladegerät. Ansonsten müsse das neuartige künstliche Kniegelenk Smart Magnetics nicht besonders gewartet werden, versicherte Testpatient Bernhard Holtkamp am Freitag bei der ersten öffentlichen Präsentation einer neuen Generation Computer gesteuerter künstlicher Kniegelenke in Berlin. "Alles ist möglich - ich kann mich normal bewegen, ohne dass gleich jeder sieht, dass ich amputiert bin", sagte der 33-jährige. "Wenn man gut aufpasst, hält das Teil bis zu fünf Jahre."Vor zehn Jahren verlor Holtkamp bei einem Arbeitsunfall sein rechtes Bein. "Ich kann jetzt wieder fast alles - Treppensteigen, Fahrrad fahren, bis zu fünf Kilometer gehen, schiefe Ebenen runter laufen, theoretisch sogar Joggen." Er fühle sich wieder rundum fit: Demnächst will Holtkamp zu seiner Braut in den Schwarzwald ziehen. Das High-Tech-Teil aus einer hochfesten Aluminiumlegierung haben die Traditionsfirma Biedermann Motech GmbH, Ärzte und Patienten zusammen ausgetüftelt. Der ganze Stolz der Entwickler ist die Steuerung der Bewegungen über ein elektromagnetisches Feld. "Da gibt es kein schwerfälliges Bremsknie mehr, sondern hohe Sicherheit und schnelle, flüssige Abläufe", erläuterte Christian Hartz von Biedermann. Gegenüber mechanischen Konstruktionen reagiere das neue Gelenk zusammen mit dem künstlichen Bein 400 Mal schneller. Sensoren analysieren Gang und Beschleunigung, leiten die Informationen an einen Zylinder mit einer Flüssigkeit weiter, der magnetisch die Bewegung steuert. Die robuste Konstruktion habe schon beim Bau von Rennwagen ihre Feuertaufe bestanden, sagte Hartz. Oberschenkelprothesen mit der neuen Technik kosteten mit bis zu 19.000 Mark weniger als die Hälfte bisheriger Computer gelenkter Prothesen. An einem der modernsten Krankenhäuser Europas, dem Unfallkrankenhaus Marzahn, wird das rund anderthalb Kilo schwere Teil nun getestet und soll von diesem Herbst an auf den Markt kommen. Dafür bietet die Klinik eine extra Sprechstunde. Die neue Entwicklung sei auch deshalb so wichtig, weil zunehmend junge Menschen bei Unfällen Gliedmaßen einbüßten, sagte der ärztliche Direktor Axel Ekkernkamp. Mit der modernen Technik bekämen sie ein Stück Normalität im Alltag wieder. Bei bundesweit jährlich 20 Milliarden Mark Ausgaben an Heil- und Hilfsmitteln - Tendenz steigend - würden zunehmend gute und zugleich preisgünstige Angebote gebraucht. Deutschlandweit gibt es etwa 85.000 Bein amputierte Menschen. Von den Betroffenen haben rund 35.000 ihr Bein oberhalb des Kniegelenks verloren. Jährlich werden rund 15.000 neue Beinprothesen für Oberschenkelamputierte gebaut. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |