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08.06.2000

Erste HIV-Infektion laut Studie schon vor 100 Jahren - Epidemie begann in den 50er Jahren

Washington (dpa) - Die weltweite Aidsepidemie hat möglicherweise schon viel früher begonnen als bisher gedacht. Virologen halten es für wahrscheinlich, dass es den ersten Fall von HIV-1 schon Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts gab. Neue genetische Vergleiche lassen einer internationalen Studie zufolge keinen Zweifel mehr daran, dass eine Schimpansen-Unterart (Pan troglodytes troglodytes) das Affen-Erreger SIV auf den Menschen übertrug.

Diese allererste "Infektion" mit dem Erreger, der durch Mutation zum menschlichen HIV-1 wurde, erfolgte wahrscheinlich beim Verzehr eines erlegten Tieres, schreibt ein internationales Forscherteam um Bette Korber (Los Alamos) in dem Wissenschaftsmagazin "Science" (Bd. 288, S. 1789) vom Freitag.

Etwa bis 1930 blieb der HIV-1-Erreger nach dieser Theorie auf eine kleine, isolierte Bevölkerungsgruppe im Westen Afrikas begrenzt. Danach erweiterte das Virus seinen Verbreitungsradius und brachte durch Mutation neue genetische Varianten hervor - etwa zehn bis 1950. In den 50er Jahren habe sich Aids dann langsam zur Epidemie entwickelt, glauben die Forscher um Korber, obwohl dies westlichen Ländern erst rund 30 Jahre später bewusst wurde.

Den Siegeszug um den Globus habe HIV durch das Zusammenspiel mehrerer Auslöser angetreten. Die Autoren nennen den Abzug der Kolonialmächte, mehrere Bürgerkriege und flächendeckende Impfprogramme, bei der oft aus Sparsamkeitsgründen eine Spritze mehrfach benutzt wurde. Eine große Rolle hätten auch das Wachstum afrikanischer Großstädte, die sexuelle Revolution und schließlich der Tourismus gespielt.

Analysen des genetischen Profils von HIV-1-Proben aus aller Welt schließen einen späteren Ursprung des Virus zwar nicht aus, sind aber weniger wahrscheinlich, schreibt das Team. Unabhängig von HIV-1 habe sich durch Übertragung von einem Mangaben ein zweiter Stamm des Aidserregers entwickelt, HIV-2. Mangaben sind meerkatzenartige Affen, die in West- und Zentralafrika leben.

Die Übertragung von Krankheitserregern zwischen verschiedenen Arten - wie Affe und Mensch - sei ein "normales Phänomen", schreiben Korber und Kollegen in "Science". Zu den Viren, die der Mensch vom Affen "erbte", gehört unter anderem auch der Erreger der Affenpocken, das T-Zell-Leukämie-Virus.

HIV-1 gelang es, eine globale Krise hervorzurufen, 50 Millionen Menschen zu infizieren und davon 16 Millionen das Leben zu kosten. Bei der zunehmenden Globalisierung dürfte die Menschheit im 21. Jahrhundert mit vielen weiteren Epidemien zu tun haben, deren Erreger ursprünglich vom Tier stammen, heißt es in einem Begleitartikel von "Science".

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