N A C H R I C H T E N

07.06.2000

Viel Bewegung und schlanke Linie - gut für die Bandscheiben

Dortmund/Hannover (Sandra Hoffmann) - Klaglos erträgt er jahrelang alles, was ihm Tag für Tag angetan wird: stundenlang über den Schreibtisch gebeugt sitzen, kaum Bewegung und nachts auch noch auf einer längst durchgelegenen Matratze schlafen. Irgendwann wird das allerdings selbst dem geduldigsten Rücken zu viel. Er beginnt sich zu wehren - erst vielleicht nur mit einem leichten Zwicken, einem steifen Nacken oder einem Hexenschuss. Wer diese Warnsignale nicht ernst nimmt, der bekommt über kurz oder lang meist die schmerzhafte Quittung, im schlimmsten Fall einen Bandscheibenvorfall.

"80 von 100 Menschen in Deutschland haben mindestens einmal in ihrem Leben Rückenbeschwerden", sagt Detlef Detjen von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) in Bremervörde. Probleme mit Wirbelsäule, Kreuz und Nacken seien inzwischen der häufigste Grund für Krankschreibungen. Rund 200.000 Mal jährlich trifft nach Angaben der Selbsthilfegruppe "Wirbel e.V." in Dortmund einen Patienten die Diagnose Bandscheibenvorfall.

Sich taten- und wehrlos in dieses Schicksal ergeben muss sich allerdings niemand. "80 Prozent der Wirbelsäulenschäden sind nicht Schicksal oder Pech, sondern Folgen jahrelanger Fehlbelastungen", schätzt Ulrich Frohberger, Facharzt für Orthopädie aus Münster und Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Rückenschulen. Doch nur die wenigsten Menschen wissen tatsächlich, wie sie sich richtig halten und verhalten sollten, um dauerhaften Schäden und Schmerzen von vornherein vorzubeugen.

Im gesunden Rückenzustand liegen die Bandscheiben fest eingebettet zwischen den Wirbeln und fangen wie eine Art Stoßdämpfer Belastungen und Erschütterungen ab. Durch Verschleiß, falsche Haltung, bei bestehender Vorschädigung oder auch nur durch eine unglückliche Bewegung können sie aus dem Knochengerüst herausrutschen und dann auf die Nerven des Rückenmarks drücken. Neben schweren Schmerzen kann dies bei den Betroffenen Taubheitsgefühle bis hin zu Lähmungserscheinungen verursachen.

Hat man es erst einmal so weit kommen lassen, galt lange Zeit eine Operation als einzige Lösung. Doch diese ist keine Garantie dafür, dass das Leiden beendet ist. Deshalb wird inzwischen versucht, einen chirurgischen Eingriff zunächst zu vermeiden und stattdessen dem geplagten Rücken unter anderem mit Medikamenten, Wärmebehandlungen und Gymnastik zu helfen. Größere Chancen, beweglich und schmerzfrei zu bleiben, hat allerdings, wer vorbeugt, solange er noch nichts spürt.

"Das fängt bereits damit an, dass Eltern darauf achten, dass ihre Kinder eine gesunde Haltung haben, also zum Beispiel nicht immer mit krummen Rücken dasitzen", erklärt Ulrich Kuhnt, Leiter der Rückenschule Hannover. Aber auch Erwachsene, die ihren Rücken jahrelang vernachlässigt haben, können noch rechtzeitig dafür sorgen, dass alles an seinem Platz bleibt - etwa mit einem Kurs in einer Rückenschule, in dem sie nicht nur Übungen eintrainieren, die der Wirbelsäule das Leben leichter machen. Gleichzeitig wird dort auch gezeigt, was im Alltag von fast jedem verkehrt gemacht wird und wie man solche Fehler in Zukunft vermeidet.

In erster Linie heißt das: runter vom Sofa und sich viel, viel bewegen. "Ein gesunder Rücken braucht ein gutes muskuläres Korsett", so Ulrich Kuhnt. Schwimmen, Radfahren und Laufen beispielsweise sind ideal, um die Muskeln zu kräftigen. Wer viel Sport treibt, verbraucht außerdem ordentlich Kalorien und baut Gewicht ab, an dem die Wirbelsäule ansonsten schwer zu tragen hätte.

Viele Erwachsene müssten aber nicht nur wieder auf Trab gebracht werden, sondern auch neu lernen, wie man richtig hebt, sitzt, geht und liegt, beobachtet Kuhnt. Wer etwa einen schweren Gegenstand hochheben will, solle sich nicht einfach nach unten bücken, sondern stattdessen aus den Beinen heraus heben. Ein Sorgenkind der Orthopäden und Rückentrainer sind auch die Möbel, sowohl zu Hause wie am Arbeitsplatz. Wacht man morgens nicht erholt, sondern gerädert auf, gehört die Matratze höchstwahrscheinlich auf den Sperrmüll.

Wer im Sitzen arbeitet, sollte darauf achten, dass Tischplatte und Stuhl auf die eigene Körpergröße abgestimmt sind. Auch sollte niemand den ganzen Tag an seinem Stuhl fest kleben. "50 Prozent sitzen, 25 Prozent stehen und 25 Prozent gehen", nennt Detlef Detjen als Faustregel. Über eines sollten sich alle, die etwas für ihren Rücken tun wollen oder müssen, aber von vornherein klar sein: Nur ein paar Wochen lang die guten Ratschläge zu beherzigen und dann in den alten Trott zurückzufallen, hilft nichts.

"Viele Leute hören auf, sobald der Schmerz nachlässt", sieht Ulrich Frohberger selbst bei Bandscheiben-Patienten immer wieder. Die Tipps des Orthopäden und aus der Rückenschule seien jedoch nur ein Anstoß, der zeigen soll, dass man es schaffen kann. Was daraus wird, dafür ist der Patient selbst verantwortlich.

Informationen:
Aktion Gesunder Rücken, Postfach 13 61, 27423 Bremervörde (Tel.: 04761/97 91 79, Fax: 04761/97 91 80), Selbsthilfegemeinschaft Wirbel, Am Oelpfad 1-3, 44263 Dortmund, (Tel.: 0231/41 70 29, Fax: 0231/41 19 10). Gegen Einsendung von drei Mark Rückporto ist dort ein Info-Paket erhältlich.

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