N A C H R I C H T E N 07.06.2000 Dentisten wollen Gesundheitsministerin Fischer die "Zähne zeigen" - Bleiben die Kassenärzte wieder zahnlose Tiger?Berlin (MEDI-Report) - Mit einer 3,4 Millionen Mark teuren Kampagne wollen die Zahnärzte Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) die "Zähne zeigen" und Patienten gegen die rot-grüne Gesundheitspolitik einnehmen.Mit Anzeigen in Tageszeitungen, Lesezirkeln und Plakaten in Städten über 50.000 Einwohnern wollen die Kassen-Zahnärzte auch für ihr Reformkonzept werben, das die Rückkehr zur Kostenerstattung statt des derzeit gültigen Sachleistungsprinzips vorsieht. Dies erklärte der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) Karl-Horst Schirbort am Mittwoch in Berlin zum Auftakt der Kampagne "Der Gesundheitsreform die Zähne zeigen", die bis Ende Oktober laufen soll. Die KZBV will mit der Aktion die gesetzliche Ausgabenbegrenzung im Gesundheitswesen anprangern und wendet sich gegen die so genannte Budgetierung, die jedem Zahnarzt eine finanzielle Obergrenze bei seinen Behandlungen setzt. "Nur wenn unsere Bevölkerung um die komplexen Hintergründe, um die erlebbaren Folgen des Budgets weiß, können wir im Schulterschluss von Ärzten und Patienten eine fruchtbare Lösung" erreichen, sagte Schirbort. Mit der Kampagne wollen die Zahnärzte den Druck auf die rot-grüne Regierung verstärken, mehr Geld ins Gesundheitswesen zu pumpen. "Das Budget schränkt die Qualität Ihrer Zahnbehandlung ein: Durch gebremsten Fortschritt, Rationierung und Einheitsmedizin", heißt es etwa in einem Plakat, und weiter: "Wir wollen keine 08/15 Medizin! Das Budget verordnet Einheitsmedizin statt individueller Zahnmedizin." Gezeichnet sind die Plakate mit "Pro Patient". Schirbort erklärte, Leidtragender der Budgetierung sei vor allem der Patient "als letztes Glied der Kette". Es gehe den Zahnärzten nicht um mehr Geld, sondern um die Sicherung und Wahrung des hohen zahnmedizinischen Standards, der in der Bundesrepublik in den letzten Jahren erreicht wurde. Schirbort forderte erneut, dass die Zahnärzte wieder direkt mit den Patienten abrechnen können. Beim letzten Versuch mit der Direktabrechnung noch unter der alten Regierung war es allerdings zu massiven Konflikten und Rechtsstreitigkeiten gekommen. Die KZBV vertritt rund 55.000 Vertragszahnärzte in Deutschland als Pflichtmitglieder. Das Durchschnittseinkommen der Mitglieder bewegt sich nach Angaben der KZBV zwischen 160.000 und 170.000 Mark im Jahr. Aus dem Hause der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV) hingegen ließ sich zur selben Zeit nicht mehr vernehmen als ein blutarmer Kommentar unter der Überschrift "Ambulante Versorgung nicht ausbluten!" "Stabile Beitragssätze täuschen darüber hinweg, dass in der ambulanten Medizin immer weniger Geld bereit steht, um die Patienten bedarfsgerecht zu versorgen." Mit diesen dürren Worten kommentierte gestern der Erste Vorsitzende der KÄBV Manfred Richter-Reichhelm die von Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer vorgestellten Finanzergebnisse der gesetzlichen Krankenversicherung. Richter-Reichhelm wies auf den seit einigen Monaten sehr aggressiv geführten Kampf zwischen den Krankenkassen um so genannte gute Risiken hin: "Viele Kassen, die ihren Mitgliedern günstige Sätze anbieten, zahlen für die ambulante Versorgung eine erheblich geringere Kopfpauschale je Mitglied als andere Kassen. Für 32 Mark, die die Kassenärzteschaft für die komplette ambulante Versorgung pro Monat und Versicherten von einer Betriebskrankenkasse erhält, können wir erheblich weniger leisten, als für 85 Mark, die von einer Ersatzkasse kommen. Damit die ambulante Versorgung nicht ausblutet, muss der Gesetzgeber unverzüglich tätig werden, um zu verhindern, dass für die Versorgung schwer kranker Patienten durch den Kassenwettbewerb immer weniger Geld zur Verfügung steht. Dieses Problem darf nicht auf die lange Bank geschoben werden." Kein Wunder, wenn viele Kassenärzte sich durch eine derart farblose und matte Bundesführung nicht gut vertreten fühlen, die sich nicht einmal getraut, zu bedenklichen Entwicklungen innerhalb der Kassenärzteschaft - wie zu dem vom Justiziar einer KÄV als "rechtswidrig" bezeichneten Medi-Verbund - klare Stellung zu beziehen. Unter dem Titel "Der gute HVM in der Sauna oder die Quadratur der Greise" heißt es dazu im Leserbrief des bayerischen Kassenarztes Michael B. Bakin satirisch auf der Website eines Berufsverbandes: "Ritter-Weichhelm neulich zu mir in der Sauna: 'Es können keine zehn Semmeln verlangt, wenn nur fünf bezahlt werden.' Was für ein KBV-Boss. Vielleicht wird doch wieder alles gut und wie früher ? Nix wird gut. Die Demographie wird es nicht erlauben." Die Kassenzahnärzte haben es auch in der Vergangenheit besser als ihre Ärztekollegen verstanden, den Patienten ein realistisches Bild der Wirklichkeit zu vermitteln. Die Verantwortlichen für die Öffentlichkeitsarbeit der KÄBV hingegen sollte man eher in die Wüste schicken, meinen manche Kassenärzte. © MEDI-Report: www.medi-report.de Weitere Informationen: Zahnmedizinische Qualität und Gebührenordnung im Konflikt: Erstklassige Behandlung für alle nicht bezahlbar - 26.02.2000 |