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06.06.2000

Ministeriumsbericht schlägt Alarm: Antibiotika-Resistenz verbreitet

Bonn (dpa) - Eine Arbeitsgruppe der Regierung hat zum verstärkten Kampf gegen antibiotika-resistente Erreger von Lungenentzündung, Tuberkulose und anderer Krankheiten aufgerufen. Antibiotika- Resistenzen haben den Angaben zufolge in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und seien in ihren dramatischen Folgen für die Menschen noch nicht absehbar. Den Bericht der interministeriellen Arbeitsgruppe unter Federführung des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Ministerium am Dienstag in Bonn veröffentlicht.

Im Bereich der Human- und der Tiermedizin sei bei vielen Infektionserregern eine Zunahme mehrfach resistenter Bakterienstämme beobachtet worden, die mit den gängigen Antibiotika nicht mehr bekämpft werden könnten, heißt es in dem Bericht. Besonders auffällig sei die Resistenzentwicklung bei Staphylococcus aureus Stämmen, den häufigsten Erregern von Krankenhausinfektionen. Sie können unter anderem Wundinfektionen auslösen aber auch Herzerkrankungen, Lungenentzündung und Lebensmittelvergiftung. Bei ambulanten Therapien gegen das Bakterium müssten stetig neue Antibiotika mit starken Nebenwirkungen eingesetzt werden.

Beim wichtigsten Erreger der Lungenentzündung, dem Streptococcus pneumoniae, zeichne sich sogar schon eine erste Resistenzentwicklungen gegen die erst seit kurzem als Ausweichtherapie eingesetzten Fluorchinolone ab. Unter den resistenten Magen-Darm-Bakterien spielten in Deutschland vor allem Salmonella typhimurium DT 104-Stämme eine Rolle.

Der Bericht verweist auch auf einzelne resistente Bakterienstämme, die nach Deutschland eingeschleppt werden könnten, darunter Erreger von Tripper, Diphtherie und Typhus. Besonders gefährlich sei die Einschleppung des Tuberkulose-Erregers aus Regionen in denen Antibiotika unter weniger strengen Kriterien eingesetzt werden.

In dem Bericht heißt es: "Ehemals sehr wirksame antibiotische Therapien gegen bakterielle Infektionserreger sind bei einer Reihe von Infektionskrankheiten wirkungslos oder geringer geworden". Zu der bedrohlichen Entwicklung habe die Anwendung und Überanwendung von Antibiotika begünstigend beigetragen oder sie zum großen Teil verursacht. Zugleich bemängeln die Autoren, dass es bisher kein umfassendes Beobachtungssystem in Deutschland gebe.

Die Autoren verweisen darauf, dass es nach dem Arzneimittelgesetz bislang keine Handhabe gebe, um die Zulassung eines Antibiotikums wegen zu erwartender Resistenzen zu verweigern. Bisher sei auch keinem Antibiotikum aus Gründen der Resistenzbildung die Zulassung entzogen worden.

Die Arbeitsgruppe spricht sich für mehr Forschung über das Resistenzproblem aus. Sie fordert die Neubelebung der Infektiologie als klinische Disziplin und die Entwicklung von Alternativen zur Anwendung von Antibiotika. Einschränkungen solle es auch im Bereich der Tierantibiotika geben. Aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes soll im Lebensmittelbereich die Zulassung der antimikrobiell wirksamen Stoffe Natamycin und Nisin als Zusatzstoffe zurückgenommen werden. Auch im Pflanzenschutzbereich sollten Antibiotika eingeschränkt oder gänzlich untersagt werden.

Lexikon: Antibiotika-Resistenz von Bakterien

Die wirksamsten Waffen gegen lebensbedrohliche Bakterien-Infektionen drohen stumpf zu werden: Bakterien werden zunehmend resistent gegen Antibiotika. Als Gründe nennen Mediziner unter anderem den zu frühen eigenmächtigen Abbruch der Antibiotikatherapie durch Patienten, den Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht und die Verschreibungspraxis der Ärzte. Oft erhielten Patienten schon bei Bagatellkrankheiten diese Medikamente. Der medizinische Fortschritt bringe zudem immer mehr abwehrschwache Patienten mit sich, was die Resistenzentwicklung erleichtert.

Ursache für die Widerstandsfähigkeit sind spontane Veränderungen im Erbgut der Bakterien: Dadurch wird einer von Milliarden Erregern zufällig gegen ein Antibiotikum resistent. Dieses Bakterium kann nun im Gegensatz zu seinen Artgenossen überleben und sich umso stärker ausbreiten. Durch die massenhafte Anwendung von Antibiotika wird diese Zufallsauslese beschleunigt. Die Abwehrgene können auch auf andere Bakteriengruppen übertragen werden.

Antibiotika wirken auf unterschiedliche Weise. Manche hemmen den Aufbau der Bakterienzellwand, andere Enzyme. Je nach Wirkprinzip werden sie verschiedenen Klassen zugeordnet. Mehr als 20 Antibiotika- Klassen gibt es, unter anderem Glycopeptide, Makrolide oder Sulfonamide. Das Problem: Ist ein Bakterium gegen ein Antibiotikum immun geworden, helfen oft auch andere Mittel derselben Klasse nicht mehr. Das erste Antibiotikum entdeckte der Bakteriologe Alexander Fleming 1928 im Schimmelpilz Penicillium notatum. Es hemmt die Vermehrung von Staphylokokken und verschiedener anderer Erreger.

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