N A C H R I C H T E N

04.06.2000

Psychologen empfehlen klare Verhältnisse: Scheidung belastet Kinder weniger als Eltern-Dauerstreit

Jena (Katrin Zeiß) - Die Scheidung ihrer Eltern ist für Kinder offenbar weniger belastend als der elterliche Dauerkonflikt hinter der Fassade einer bestehenden, aber nur mühsam aufrecht erhaltenen Ehe. Das hat die Psychologin Sabine Walper von der Universität München herausgefunden. Auf einem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Jugendforschung in Jena, der am Sonntag zu Ende ging, stellte sie das Ergebnis einer Studie vor, in der 750 betroffene Kinder in den alten und neuen Bundesländern untersucht worden waren.

Für die Studie, die von 1996 bis 1998 lief, hatten sich die Psychologen auf Kinder aus drei Familienkonstellationen konzentriert: die klassische Mutter-Vater-Kind-Familie, allein Erziehende und Familien mit einem Stiefelternteil. Vergleichend dazu waren Kinder befragt worden, deren Eltern sich nicht mehr verstanden, aber auch nicht trennen wollten. Ergebnis laut Walper: "Eine Scheidung verkraften Kinder eigentlich ganz gut."

Die Ursache, warum die meisten Mädchen und Jungen sich mit einer Scheidung trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten relativ gut abfinden können, haben die Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen auch gefunden. "Eine Trennung schafft wieder klare Verhältnisse", so die Münchener Psychologin. Hier greife die Formel "besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende".

Dagegen gehe es Kindern aus Familien, die die eigentlich überfällige Trennung nicht vollziehen, deutlich schlechter. Walper: "Solche Kinder leiden heftiger und länger." Grund: Wenn sich die Eltern ständig stritten und angifteten, gerieten die Sprösslinge in Loyalitätskonflikte, die für sie nur schwer auszuhalten seien. Zudem benutzten betroffene Eltern für ihren eigenen Streit häufig die Kinder als Transportmittel. Walper: "Die Eltern machen sich vor den Kindern gegenseitig mies, oder ein Elternteil setzt den anderen hintenherum herab."

Die Kinder schleppen die Folgen derartiger Konflikte oftmals ein Leben lang unbewusst mit sich herum, meinen die Experten. Häufig kämpfen sie später in ihren eigenen Beziehungen mit ähnlichen Problemen. Denn das eigene Partnerwahlverhalten werde durch das bestimmt, was sie als Kinder vorgelebt bekämen. Und da sehen die Experten wiederum eine Parallele zu Kindern, deren Eltern geschieden wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass deren Ehen später ebenfalls in die Brüche gingen, sei höher als bei Kindern aus harmonischen Familien.

Psychologen zufolge geht in Deutschland jede dritte Ehe in die Brüche. Allein 1997 habe es rund 190.000 Scheidungen gegeben. Davon waren mehr als 150.000 Kinder betroffen.

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