N A C H R I C H T E N

30.05.2000

WHO fordert internationalen Kampf gegen das Rauchen - Ärzte kritisieren Klage der Bundesregierung gegen Tabakwerbeverbot

Bangkok/Köln/Stuttgart (MEDI-Report) - Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Staatengemeinschaft zu gemeinsamen Aktionen gegen den Zigarettenkonsum und die Macht der Tabakkonzerne aufgerufen. "Momentan ist das größte Problem der wirtschaftliche und politische Einfluss der Tabak-Industrie", sagte WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland anlässlich des Weltnichtrauchertages (31. Mai) vor Journalisten in Bangkok. Daher müssten auch internationale Anstrengungen gegen das Rauchen unternommen werden.

"Wir können die nationalen Konzerne kontrollieren, aber nicht die weltweiten", ergänzte Brundtland auf der Pressekonferenz am Dienstag. Sie lobte die Bemühungen Thailands, Zigaretten aus dem Ausland nicht ins Land zu lassen und Zigarettenwerbung zu verbieten. Thailand habe ein staatliches Monopol über die heimische Zigarettenproduktion und eine der schärfsten Anti-Raucher-Gesetzgebungen.

Dennoch könnten einige Tabakkonzerne diesen Bann durchbrechen. Die Unternehmen nutzten dazu die Vereinigung südostasiatischer Staaten (ASEAN), sagte WHO-Mitarbeiterin Judith Mackay. "Sie sponsern viele Jugend-Wettbewerbe und natürlich nimmt Thailand an diesen Tanz- oder Kunstprogrammen teil." Es sei offensichtlich, dass multinationale Tabakkonzerne auch für den raschen Anstieg der Raucherzahlen in Asien verantwortlich seien, sagte Brundtland.

Bundesärztekammer fordert Ende der Tabakwerbung

Deutschlands Ärzte haben die Klage der Bundesregierung gegen das Tabak-Werbeverbot in der Europäischen Union (EU) scharf kritisiert. "Es spricht allen Bemühungen um gesundheitlichen Verbraucherschutz Hohn, wenn die Bundesregierung weiter an ihrer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen das Tabak-Werbeverbot festhält", sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, am Dienstag in Köln anlässlich des Weltnichtrauchertages am morgigen Mittwoch. Besonders Kinder und Jugendliche seien anfällig für die Botschaften der Tabakwerbung.

Nach einer Untersuchung des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung ließen sich mindestens ein Drittel der Jugendlichen durch entsprechende Reklame zum Rauchen verleiten, erklärte der Experte.

"Wie kann die Regierung auf der einen Seite Aufklärungskampagnen gegen das Rauchen organisieren, auf der anderen Seite aber vor dem Europäischen Gerichtshof gegen das geplante Tabakwerbeverbot in der EU zu Felde ziehen?", kritisierte Hoppe. Das Vorgehen sei widersprüchlich und verkenne die tatsächlichen Gefahren der Tabakwerbung. Aus kurzsichtigen wirtschaftlichen Erwägungen werde Zigarettenwerbung toleriert, die immer jüngere Zielgruppen anspreche: "Ein solches Verhalten ist verantwortungslos."

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich europaweit über 500.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das seien mehr Tote als durch AIDS, Autounfälle, Mord, Selbstmord und illegale Drogen.

Bundesgesundheitsministerin zur "Ex-Raucherin des Jahres" ernannt

Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) ist zur "Ex-Raucherin des Jahres" ernannt worden. Mit diesem Titel würdigte der Aktionskreis Stuttgarter Nichtraucher (ASN) nach Angaben vom Dienstag den Entschluss der Ministerin, seit Anfang 1999 dem "blauen Dunst" zu entsagen. Das Sozial- und das Kultusministerium Baden-Württembergs kündigten anlässlich des Weltnichtrauchertages an diesem Mittwoch eine "Motivationskampagne" an Schulen an, um den Einstieg in die Droge Tabak zu verhindern.

Bei der Kampagne unter dem Motto "Be smart - don't start" sollen sich Schulklassen der Stufe sechs bis acht in einem Klassen- und Schülervertrag verpflichten, ein halbes Jahr lang eine "Nichtraucherklasse" zu sein, erläuterte Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) das Projekt. Als Ziel winkt eine Verlosung mit Geld- und Sachpreisen.

Besorgt äußerte sich Repnik - selber bekennender Gelegenheitsraucher - über das ständig sinkende Einstiegsalter der Jugendlichen, das mittlerweile zwischen elf und 14 Jahren liege. Während der Tabakkonsum insgesamt zurückgehe, steige er in der Gruppe der Elf- bis 25-Jährigen an. Der durchschnittliche Zigarettenkonsum der Zehn- bis 15-Jährigen sei nur geringfügig niedriger als in der Altersgruppe der über 15-Jährigen.

"Für Menschen, die vom Rauchen loskommen wollen, haben Sie Vorbildfunktion", schrieb der ASN-Vorsitzende Thomas Stüven an Ministerin Fischer. Als "Ex-Raucherin des Jahres" zeichnete der 350 Mitglieder starke Verein zum zweiten Mal eine prominente Persönlichkeit aus, um so für den Nichtraucher-Schutz und das Nicht- Rauchen zu werben. Preisträger des Vorjahres war der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD).

Der Suchtbeauftragte der Stadt Heilbronn, Andreas Robra, machte zum Nichtrauchertag auf drei Studien in China, Großbritannien und Argentinien aufmerksam, wonach neben rauchenden Müttern auch qualmende Väter die Gesundheit ihres Nachwuchses gefährdeten. Nach diesen Untersuchungen erkrankten Kinder, deren Väter vor der Zeugung geraucht hatten, häufiger an Krebsarten wie Leukämie, Hirntumoren und Lymphdrüsenkrebs als Kinder von nikotin-abstinenten Vätern.

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