N A C H R I C H T E N

27.05.2000

Tränen in Palermo - Trennung von Siamesischen Zwillingen gescheitert

Palermo/Rom (Jutta Lauterbach) - Die spektakuläre Operation zur Trennung eines Siamesischen Zwillingspaares ist am Samstag in Italien dramatisch gescheitert. Wenige Stunden nach ihrer Schwester Milagros starb auch die kleine Marta, die die Ärzte eigentlich retten wollten. Die drei Monate alten Babys aus einem Armenviertel bei Lima in Peru waren vom Hals bis zum Bauch zusammen gewachsen und hatten nur ein Herz.

Ihr Tod löste in Italien Trauer und Erschütterung aus. In der Civico-Klinik in Palermo, wo die Kinder operiert worden waren, herrschte lange Zeit gespenstische Stille. Die Herzabteilung soll nun nach den Zwillingen benannt werden. Chefchirurg Carlo Marcelletti (55) stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben: "Marta ist um 09.20 Uhr gestorben", sagte er. Die Mutter der Kinder weinte.

Mit der auf zwölf Stunden angesetzten Operation sollte wenigstens Marta gerettet werden. Sie galt als die gesundheitlich stabilere der beiden. Die Entscheidung, eines der Kinder zu "opfern", hatte international Aufsehen erregt. Allerdings war Milagros nach Angaben der Ärzte bereits mit Lungenversagen in den Operationssaal gekommen.

26 Ärzte und Assistenten unter Leitung Marcellettis kämpften von Mitternacht bis zum Vormittag um das Leben Martas. Nach Angaben der Klinik wurden Herzfehler korrigiert, die Leber getrennt, der Darm rekonstruiert. Zuletzt sei der Brustkorb aufgebaut worden.

Vor dem Operationssaal gab es dramatische Szenen. Um 02.37 Uhr brachten zwei Träger einen weißen Kindersarg. Krankenhauspersonal, Journalisten, Kameramänner und Fotografen verstummten. Es war die Todesstunde des Zwillingsmädchens Milagros.

Die Kinder waren noch unmittelbar vor Beginn der Operation getauft worden, ein Kapuzinerpater vollzog die Letzte Ölung: "Ich vertraue Euch den Händen Gottes und Marias an." Die Mutter suchte in einem Raum nahe dem Operationssaal Beistand bei Ordensschwester Gabriella. Sie bat um einen Fotoapparat, machte ein letztes Bild von ihren schlafenden Kindern vor dem Eingriff.

Die 22-jährige Peruanerin hatte eine Abtreibung abgelehnt. In der Hoffnung auf Hilfe reiste sie eigenen Angaben zufolge um die halbe Welt. Auch ihr Mann und der vierjährige Sohn Franklyn waren nach Palermo gekommen. Auf Marcelletti seien sie durch einen italienischen Journalisten hingewiesen worden, sagte der 28 Jahre alte Vater des Zwillingspaares. Ihre Flugtickets bezahlte die sizilianische Regionalverwaltung.

"Das ist die schwierigste Operation meines Lebens", räumte Marcelletti bereits im Vorfeld ein. "Ich habe überall operiert, in Kuba, im Kosovo, in Polen, in Paraguay, in Paris, aber dies ist ein besonderer Fall." Auf die Frage, ob er Angst habe, sagte er, ein Chirurg müsse mit dem Tod rechnen.

Der italienische Philosoph Emanuele Severino verteidigte den Eingriff in Palermo. "Zwischen der Gewissheit, dass beide sterben und einer 20-prozentigen Chance, dass eine überlebt, ist immer die zweite Lösung vorzuziehen."

Benannt ist die Missbildung nach den Zwillingsbrüdern Chang und Eng Bunkes, die 1811 in Siam (Thailand) zur Welt kamen. Sie waren vom Brustbein bis zum Bauchnabel miteinander verwachsen und wurden zu einem Jahrmarkts-Phänomen. Zwar heirateten sie ein Schwesternpaar und zeugten 22 Kinder.

Doch mit der Harmonie der ungleichen Brüder war es laut "Corriere della Sera" vom Samstag nicht weit her: "Chang betrank sich immer häufiger, während Eng praktisch Abstinenzler war; Chang war ein Nachtmensch, Eng schlief sofort nach dem Abendessen ein." Als Chang im Alter von 63 Jahren im Schlaf gestorben sei, habe auch Eng um sein Schicksal gewusst - eine Stunde später sei er tot gewesen.

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