N A C H R I C H T E N 26.05.2000 Neue Inkontinenz-Therapien verschaffen wieder Freude: Karbonpolster, TVT und BlasenschrittmacherBochum/Neu-Isenburg (dpa) - Mediziner haben neuartige Behandlungsmethoden gegen Harninkontinenz entdeckt. In den vergangenen Jahren seien neue Medikamente mit geringen Nebenwirkungen und neue Operationsmethoden mit dem Einsatz von Blasenschrittmachern, Kunststoffbändern und Karbonpolstern entwickelt worden, sagte Jürgen Pannek von der urologischen Universitätsklinik Marienhospital in Herne (NRW).Betroffen sind in Deutschland rund drei Millionen Frauen, in hohem Alter zunehmend auch Männer. "Vom 70. Lebensjahr an ist das Verhältnis ausgeglichen", sagte Pannek. Äußerliche Hilfsmittel sind häufig Binden und Windeln für Erwachsene. Mit 70 bis 80 Prozent sei Harninkontinenz inzwischen sogar Einweisungsgrund Nummer eins in Altenpflegeheime. In schweren Inkontinenz-Fällen ist nach Ansicht des Urologen nicht nur eine Schließmuskelschwäche am Blasengang Auslöser für unkontrollierten Urinverlust. "Ursache kann auch eine allgemeine Schwäche der Organe am Beckenboden sein." Während in früheren Jahren nur die Blase an den richtigen Ort gehoben wurde, mit Folgen für die übrigen Organe, werde heute der gesamte Beckenboden rekonstruiert, sagte Pannek vor einer Fachtagung an diesem Samstag (27. Mai) an der Ruhruniversität Bochum. Bei schwacher Blasenmuskulatur können inzwischen auch Kunststoffe zur Unterstützung eingesetzt werden. "Ein Kunststoffband ersetzt das früher verwendete körpereigene Gewebe", sagte Pannek. Bei einer ganz neuen Methode aus den USA, die erstmals in Europa in 20 Eingriffen am Marienhospital erfolgreich getestet wurde, werde dagegen mit untergespritztem Karbonat der Schließmuskel aufgepolstert. Bei Inkontinenzformen, die auf einer gestörten Nervenfunktion basieren, kann neuerdings ein Blasenschrittmacher eingesetzt werden. Ähnlich wie ein Herzschrittmacher reguliere der eingepflanzte Blasenschrittmacher die Stimulation und mildere den Harndrang. Zwei von drei Menschen, die an Dranginkontinenz leiden, könne durch Medikamente geholfen werden. Bei Blasenschwäche verzichten manche Frauen auf Sex Wenn beim Geschlechtsverkehr versehentlich schon einmal Harn abgegangen ist, verzichten viele betroffene Frauen ganz auf Sex. Das berichtet die in Neu-Isenburg erscheinende "Ärzte Zeitung" unter Berufung auf den Psychologen Professor Paul Enck vom Zentrum für medizinische Forschung in Tübingen. Dem Bericht zufolge ist die so genannte Stressinkontinenz - also die Beckenboden- und Blasenschwäche nach einer Schwangerschaft oder den Wechseljahren - eine häufig vorkommende Erkrankung: Fast jede achte Frau im Alter zwischen 16 und 65 Jahren leide gelegentlich oder oft daran. Die Dunkelziffer werde von Experten sogar als doppelt so hoch eingeschätzt, weil viele Frauen das Leiden als unvermeidliche Begleiterscheinung von Schwangerschaft und Alter einschätzten. Eine neue Operationsmethode kann dem Bericht zufolge helfen, wenn herkömmliche Verfahren wie etwa Beckenbodengymnastik keine Besserung gebracht haben. Bei der Methode mit dem Namen "TVT" (Tension-free Vaginal Tape) wird während einer 30-minütigen Operation bei örtlicher Betäubung ein Band eingebracht, das wie ein Art Prellbock wirkt, die Harnröhre bei Belastungen wie Husten oder Niesen am Absinken hindert und sie dadurch abdichtet. © 2000 dpa/gms/MEDI-Report: www.medi-report.de |