N A C H R I C H T E N 24.05.2000 Warnung vor Scharlatanen im Internet - Computernetz vorerst nur als Informationsquelle benutzen Psychotherapie per E-Mail ist unseriösFrankfurt/Main (AP) - Im Internet gibt es beinahe alles, was das Herz begehrt. Auch Psycho-Anbieter haben das Computernetz entdeckt: Auf ihren Homepages werben sie mit "Online-Therapien per Videokonferenz", "kostenloser E-Mail-Beratung" oder "Panik-Fragebögen" um neue Patienten. Seriöse Anbieter von Scharlatanen zu unterscheiden, scheint fast unmöglich.Die Bezeichnung "Psychotherapeut" ist zwar geschützt, das Wort "Psychotherapie" aber ebenso wenig wie der Begriff "Psychologische Beratung". "Es gibt noch kein Qualitätssiegel im Internet", warnt Andrea Kaupert vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Bonn. Seit Mitte 1999 ufere das Computer-Angebot von Therapeuten aus, ein Ende sei nicht abzusehen. "Im Internet kann sich jeder alles auf die Visitenkarte schreiben", warnt der Stuttgarter Diplom-Psychologe Dietmar Luchmann, der selbst im weltweiten Web vertreten ist. "Man kann sich über den Computer hervorragend über Psychologie informieren, eine Therapie ernster Erkrankungen ist aber noch nicht möglich", sagt Luchmann. Beim gegenwärtigen Stand der Technik kämen viele wichtige Informationen nicht beim Therapeuten an. Luchmann selbst hat bereits versucht, per Video-Konferenz zu beraten. Dabei können sich Patient und Therapeut über eine Kamera am Bildschirm in die Augen schauen. "Die Bilder sind aber noch zu ungenau und die Stimme ist verfälscht", so der Stuttgarter Psychologe. Auch bei einer therapeutischen Beratung per E-Mail ist Vorsicht geboten: "Bei klinischen Problemen wie schweren Depressionen oder Suchterkrankungen hört das auf", warnt der Berliner Diplom-Psychologe Volker Drewes, der etwa zehn Patienten im Monat per elektronischer Post berät. "Da geht es aber eher um Hilfe und Unterstützung bei Beziehungsproblemen, Mobbing oder sexuellen Störungen". Luchmann hält Psychologen für verantwortungslos, die ernste psychische Krankheiten per elektronischer Post heilen wollen: "Was mache ich denn, wenn mein Patient den Kontakt abbricht und kurz davor sagt, er springt jetzt aus dem Fenster?". Per E-Mail ließen sich höchstens allgemeine Fragen klären. Hervorragend geeignet sei der Computer für Patienten, die sich vor einer Behandlung über das Angebot auf dem therapeutischen Markt informieren wollen. "Gerade gehemmten Menschen mit sozialen Ängsten fällt es leichter, sich im Internet erst einmal anonym und unverbindlich über Krankheitssymptome und Behandlungsmöglichkeiten zu informieren", erläutert Luchmann. Hat der Hilfesuchende schließlich einen Psychologen gefunden, dessen Homepage ihm zusagt, fällt auch der erste Kontakt per E-Mail leichter als ein Telefonanruf. "Wenn Patienten meine Methoden bereits aus dem Internet kennen, sind sie schon auf die Therapie eingestimmt, bevor sie überhaupt meine Praxis betreten. Das spart mir viel Arbeit", freut sich Luchmann. Seriöse Anbieter ließen sich bereits am Titel "Diplom-Psychologe" erkennen. Zudem sollten die Kosten der Behandlung angegeben sein. Auch die Gewährleistung der Schweigepflicht sowie der Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten der Internet-Therapie sprächen für einen seriösen Fachmann, erklärt Kaupert. © 2000 Associated Press (AP). Weiterverbreitung untersagt. |