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N A C H R I C H T E N

24.05.2000

Kein Beweis für gutes Training: Wie sich Muskelkater vermeiden lässt

Freiburg (Shirin Sojitrawalla) - Mit der Sonne kommen auch die Freiluftsportler aus der Deckung: Straßen und Plätze werden wieder von Radfahrern, Joggern und Inline-Skatern bevölkert. Aber auch die Fitness-Studios erfreuen sich eines größeren Zulaufs, da sich viele für die Badesaison vornehmen, das nicht nur zur Weihnachtszeit Angefressene wieder abzutrainieren. Bewegung heißt also die Devise. Doch für viele hat das ungewohnte Training am nächsten oder übernächsten Morgen ein böses Erwachen zur Folge: Muskeln, die bei jedem Schritt und Tritt schmerzen.

Bei Muskelkater, wie das Phänomen volkstümlich heißt, handelt es sich immer um ein Missverhältnis zwischen Belastung und Training. Nicht die Belastung an sich führe zu den Schmerzen, sondern eine zu hohe Belastung des untrainierten Körpers, erläutert Andreas Schmid vom Deutschen Sportärztebund (DSÄB) in Freiburg. Es sind also die Untrainierten, die von Muskelkater betroffen sind. "Es trifft immer diejenigen, die lange nichts gemacht haben", sagt auch Winfried Banzer, Professor am Bereich Sportmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main.

Dabei gibt es Sportarten, die eher zu Muskelkater führen als andere: Squash ist eine solche Sportart, die durch ihre schnellen und extremen Stopp- und Bremsbewegungen die Muskeln stark belastet. Auch alle anderen kraftorientierten Sportarten erhöhen das Risiko, einen Muskelkater zu bekommen. Wer sich also überlegt, mal wieder zum Squashschläger zu greifen, sollte erst einmal ganz langsam mit dem Spiel anfangen und nicht gleich um Punkte kämpfen. Besonders empfehlenswert sei auch ein vorheriges Kraft- oder Lauftraining, so Andreas Schmid. Das mindere die Muskelkater-Gefahr.

Beim Muskelkater erleiden die Muskelzellen nach Angaben des Sportmediziners eine Mikrotraumatisierung, also minimalste Verletzungen. Die kleinen Risse sind zwar nur unter dem Mikroskop auszumachen, aber dennoch für die unangenehmen Schmerzen in den Muskeln verantwortlich. Der landläufigen Meinung, Muskelkater werde durch eine Übersäuerung ausgelöst, widersprechen die Wissenschaftler. Zwar steige der Milchsäureanteil durch die Überbeanspruchung der Muskeln, aber dies sei nicht die primäre Ursache für den Muskelkater, erläutert Winfried Banzer.

Auch die verbreitete Auffassung, Muskelkater sei ein Beweis für besonders gutes und hartes Training, weisen die Wissenschaftler zurück. "Muskelkater ist ein Indiz dafür, dass man im Training etwas falsch gemacht hat", sagt Banzer. Sein Kollegen Andreas Schmid verweist darauf, dass bestimmte Charaktere verstärkt zum Muskelkater neigen: Es sind die Ehrgeizigen und Verbissenen, die bis an ihre Grenzen gehen, alles aus sich heraus holen wollen und dabei ihr Limit nicht selten überschreiten. Und ihre Muskeln reagieren auf die Überanstrengung eben mit einem Kater.

Doch wie lässt sich Muskelkater vermeiden, ohne auf sportliche Betätigung zu verzichten? "Die beste Therapie ist immer noch die Vorbeugung", ist sich Winfried Banzer sicher. Ein langsamer Trainingsaufbau gehöre ebenso dazu wie ein fünf bis zehn Minuten langes Aufwärmtraining vor dem eigentlichen Sport: Dehnübungen, Training auf dem Stepper oder Joggen auf dem Laufband seien empfehlenswert.

Dem Muskelkater entgehen kann man aber auch, indem man seine Muskeln kontinuierlich auf Trab hält, also nicht den ganzen Winter im Sessel verbringt, sondern sich regelmäßig körperlich betätigt. Wen es dann doch einmal erwischt, der sollte sich erst einmal eine Pause zum Regenerieren gönnen, rät Sportmediziner Schmid. Sport könne man aber trotzdem treiben. Fahrrad fahren sei eine gute Möglichkeit, weil es die Muskeln nicht stark belaste, aber dennoch die Durchblutung anrege.

Vor dem Volksglauben, Muskelkater lasse sich am besten mit der Sportart bekämpfen, dessen Folge er ist, warnen die Wissenschaftler. Wer etwa einen Muskelkater von der Beinpresse im Fitness-Studio davonträgt, solle am nächsten Tag an einem anderen Gerät trainieren, um nicht die gleichen Muskeln noch einmal zu strapazieren, sagt Dietmar Schmidtbleicher vom Institut für Sportwissenschaften an der Universität in Frankfurt. Auch Sauna, ein warmes Vollbad oder eine Massage dienten der Entspannung und Durchblutungsanregung.

Salben oder Tabletten sind dagegen eher zu viel des Guten, denn nach ein paar Tagen verschwindet der Muskelkater ohnehin von selbst. Das heißt aber nicht, dass man ihn auf die leichte Schulter nehmen sollte. "Man stirbt zwar nicht daran, aber was langfristig passiert, ist noch unklar", sagt Winfried Banzer. Eines aber stehe auf jeden Fall fest: Für den Muskelaufbau sei ein Muskelkater absolut unsinnig.

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