N A C H R I C H T E N 24.05.2000 Mit Risiken und Nebenwirkungen: Immer mehr Gesundheitsratgeber im WebSiegburg/Köln (Christian Röwekamp) - Bei Übelkeit nach einem Unfall sollte man einen Arzt aufsuchen, Schwangere brauchen viel Folsäure, und Aspirin verdünnt das Blut. So steht es im Internet, das inzwischen auf wohl jede Frage Rat suchender Patienten eine Antwort weiß. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragt wird dann nicht etwa der Arzt oder Apotheker um die Ecke, sondern der "Netdoktor".Gesundheitsratgeber schießen im Web wie Pilze aus dem Boden, von ihren kommerziellen Betreibern eingerichtet in der Hoffnung, die Bedürfnisse einer immer mehr auf Well- und Fitness fixierten Bevölkerung anzusprechen. Die etablierten Beteiligten am Geschäft mit der Gesundheit - Ärzte und Krankenkassen - sehen in dieser Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. Zugleich bemühen sie sich mit eigenen Webangeboten, den Anschluss nicht zu verlieren. Eines der neuen so genannten Gesundheitsportale im Web ist der Gesundheit-SCOUT24, dessen Server in Köln steht. Ziel der Webseite ist, die hohe Informationsdichte des Internets zu filtern und das für Verbraucher Wichtige auf einer einzigen Homepage zu versammeln. Geschäftsführer Wolfgang Nagel: "Wenn ich über eine Suchmaschine etwa 200.000 Treffer zum Thema Herzinfarkt finde, nützt mir das nichts. Unser Dienst führt den Surfer dagegen schnell zu wichtigen und aktuellen Informationen." Der Erfolg gebe dem Konzept Recht, sagt Nagel. Obwohl der Gesundheit-SCOUT erst seit dem 15. Februar im Web ist, liege die Zahl der Seitenbesucher schon bei 400.000 im Monat. Stolz präsentiert Nagel den 850 Seiten starken Familien-Ratgeber auf der Webseite www.gesundheitsscout.de, der etliche Tipps für den Alltag enthält. "Wir haben dafür viele Spezialisten gefunden, die medizinische Inhalte in Patientensprache vermitteln können." Dem wissenschaftlichen Beirat gehören etliche Hochschul-Professoren an. Auch ähnlich aufgebaute Dienste wie Netdoktor.de in München verweisen auf kompetente Autoren, die nur das Wohl der Patienten im Auge haben. Dass die neuen Gesundheitsportale mit den vielen bunten Bildern das Verhalten der Internetsurfer tatsächlich in einem positiven Sinne beeinflussen, mag Ursula Auerswald jedoch nicht so recht glauben. Die Anästhesistin aus Bremen und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer hält viele Gesundheits-Ratschläge aus dem Cyberspace schlichtweg für "banal", etwa Hinweise, dass Rauchen schädlich und Gemüse gesund ist. Andere Webseiten weckten dagegen nur unnötige Ängste: "Auf Dauer hält es das Gesundheitssystem nicht aus, wenn jemand mit Kopfschmerz zum Arzt kommt und sagt: Ich hab' da im Internet was gelesen, ich brauche jetzt doch bestimmt eine Kernspintomographie." Die Diagnose zu stellen, bleibe auch im 21. Jahrhundert die Aufgabe des Arztes, der auf eine persönliche Begutachtung des Patienten angewiesen sei. "Ferndiagnosen per Internet darf es auch in Zukunft nicht geben", fordert Auerswald. Da kann Christoph Straub, Leiter der Abteilung für medizinische Grundsatzfragen beim im Siegburg ansässigen Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) nur zustimmen. Dass das Internet in Zukunft einen festen Platz im Arzt-Patient-Verhältnis einnehme, lasse sich jedoch weder leugnen noch sei es unbedingt schlecht: "Wenn ein schon gut informierter Patient zum Arzt kommt, kann er vom Mediziner besser geführt werden und selbst stärker bei der Therapie mitwirken." So sei etwa denkbar, dass Diabetiker künftig Blutwerte per E-Mail mit ihrem Arzt diskutieren - hier biete das Internet eine große Chance. Entscheidend für den Erfolg von Gesundheits-Dienstleistungen im Cyberspace ist, dass die Patienten den Informationen trauen können. "Wenn es nur darum geht, etwas zu verkaufen, sollten alle Warnlampen angehen", rät Ekkehard Bahlo von der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) in Heppenheim (Hessen). Aus diesem Grunde sollte man die neuen Gesundheitsportale gut beobachten: "Wir wissen nicht, was die in zwei oder drei Jahren anbieten." Auch diese Dienste müssten sich ja finanzieren, und deshalb sollten Surfer genau schauen, ob nicht etwa ein Arzneimittel-Unternehmen beteiligt ist. Dass etwa der Gesundheit-SCOUT in der Tat mit der Pharmabranche kooperiert, hält Geschäftsführer Nagel dabei weder geheim noch für schlimm: Es seien schließlich mehrere Unternehmen im Boot, was die Objektivität sichere. "Unheilige Allianzen" könnten sich VdAK-Experte Straub zufolge im Web dagegen an anderen Stellen bilden: So manche Selbsthilfegruppe arbeite eng mit einzelnen Pharmafirmen zusammen und preise in ihren gedruckten Mitglieder-Informationen deren Produkte an. Es sei zu befürchten, dass sich dies im Internet fortsetzt. Die Zahl der Gesundheitsportale dürfte in den kommenden Jahren zunächst weiter steigen, schätzt Straub. "Da kommen noch einige dazu, vom Weltkonzern bis zur Garagenfirma. Und dann gibt's eine Marktbereinigung: Die Großen werden die Kleinen schlucken." Krankenkassen und Ärzteverbände hätten nicht vor, auf dem Markt der Gesundheitsseiten im Web den Nicht-Profis wie Medienkonzernen das Feld zu überlassen, sagt Straub. Ob dies gelingt, wird nach Ansicht der Experten auch davon abhängen, inwieweit ein Gütezeichen etabliert und bekannt gemacht werden kann, das dem Surfer eine Hilfestellung bei der Bewertung der Informationen auf den jeweiligen Websites gibt. Christoph Straub vom VdAK weist auf schon vorhandene Label wie das aus der Schweiz stammende HON ("Health on the Net") hin, die nur bekannter gemacht werden müssen - auch der Gesundheit-SCOUT24 beispielsweise hat sich den HON-Kriterien unterworfen. Ein allein auf Deutschland bezogenes Gütezeichen hält auch Rüdiger Krech vom Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation WHO in Kopenhagen nicht für ratsam: "Das Web ist global, also sollte auch die Zertifizierung international koordiniert werden." Wenn die WHO von ihren Mitgliedern ein Mandat dazu erhalten sollte, "können wir das schnell übernehmen". © 2000 gms/MEDI-Report: www.medi-report.de |