N A C H R I C H T E N 22.05.2000 "Ich war von Kopf bis Fuß voll Uran" - Atomopfer klagt gegen SiemensNürnberg/Kreuzwertheim (Marion Trimborn) - Michael Weber trägt 24 Stunden am Tag einen Sauerstoffschlauch, um atmen zu können. Seine Lunge ist zu 85 Prozent zerstört, sein Atem pfeift, und morgens braucht der ehemalige Turnierreiter drei Stunden, um aufzustehen und den weißgelben Schleim abzuhusten. "Ich bin eigentlich ein Dauerpatient für die Intensivstation", sagt der 48-Jährige aus dem unterfränkischen Kreuzwertheim. Jetzt zieht Weber vor Gericht: Am Mittwoch (24. Mai) beginnt vor dem Nürnberger Landgericht sein Prozess gegen die Siemens AG, die angeblich wegen eines Unfalls in der Hanauer Atomfabrik für sein Leiden verantwortlich ist.Erstmals fordert damit in Deutschland ein Atomopfer von einem Unternehmen Schadenersatz und Schmerzensgeld. Drei Millionen Mark will Weber einklagen. Der Unfall in der Atomfabrik vor 29 Jahren habe seine Lebenserwartung um mindestens 30 Jahre verringert, begründet Anwalt Wolfgang Baumann die Forderung seines Mandanten. Als Leiharbeiter der Firma "Manpower" war der 19-jährige Weber 1971 in der Siemens-Firma RBU (Reaktor-Brennelemente Union) in Hanau beschäftigt. Beim Bedienen einer Uranmühle drückte er einen Schalter falsch und wurde mit Uran eingestäubt. "Ich war von Kopf bis Fuß schwarz", sagt er. Nach seiner Erinnerung ertönte Alarm, die Arbeiter stürzten aus der Halle, dann kamen Männer mit Atemmasken, um die Halle zu säubern. Weber selbst wurde entlassen und ohne ärztliche Versorgung nach Hause geschickt. Mangelnde Sorgfaltspflicht wirft Webers Rechtsanwalt Baumann der Siemens AG vor. "Eine umgehende medizinische Versorgung in Form einer Lungenwäsche hätte die Erkrankung verhindern können", heißt es in der Klageschrift. Ein Jahrzehnt nach dem Vorfall begann Webers Siechtum. Er magerte auf 49 Kilogramm ab. Seine Messebaufirma ging wegen der Krankheit 1982 in Konkurs. Erst ein Strahlenexperte erkannte den Zusammenhang mit dem Unfall in der Atomfabrik. "Ich habe anhand des Strahlen-Messgerätes an Herrn Webers Kleidung nachweisen können, dass der Unfall sich so abgespielt hat, wie Herr Weber sagt", erklärt der Nuklearmediziner Prof. Horst Kuni von der Universität Marburg, der ein Gutachten für die Berufsgenossenschaft erstellte. Sie stufte Weber als Schwerbeschädigten ein und erkannte ihn als Atomopfer an. Seit 1992 versucht Weber vergeblich, von Siemens Schadenersatz zu bekommen. Siemens selbst weist alle Vorwürfe zurück. Weber sei kein Atomopfer, schrieb der Siemens-Unternehmensbereich Energieerzeugung (KWU) in einer Stellungnahme. "Nach den Unterlagen und der Befragung der damaligen Mitarbeiter hat es diesen Unfall nicht gegeben", sagt ein Siemens-Sprecher in Erlangen. Ein Gegengutachten habe gezeigt, dass Webers Lungenfibrose nicht auf das Einatmen von Uranstaub zurückgehen könne. Zudem zahle keine Firma in Deutschland derart hohe Summen Schmerzensgeld. "Mit der Rente sind Herrn Webers Ansprüche abgegolten", sagt der Sprecher. Der Kläger will vor allem anderen Atomopfern Mut machen. "Die meisten werden mit einer Abfindung abgespeist", sagt Anwalt Baumann. Strahlenopfer der Atomwirtschaft sind in Statistiken keine Größe. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter sind jährlich 300 000 Menschen in ihrem Beruf Strahlung ausgesetzt. Pro Jahr werden lediglich fünf Fälle gemeldet, bei denen Mitarbeiter mehr als die zulässige Strahlendosis abbekommen haben. Webers Anwalt stellt sich auf ein langes Verfahren ein, das unter Umständen Jahre dauern könnte. "Der Prozess erhält mich am Leben", sagt Weber. "Siemens muss ja nur abwarten, bis ich gestorben bin, dann ist das Problem gelöst. Den Gefallen tue ich ihnen nicht." © 2000 dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |