N A C H R I C H T E N 20.05.2000 Genetisch verändertes Saatgut versehentlich in Deutschland ausgesät: Bundesbehörden geben Entwarnung und Paris leitet Ermittlungen einLondon/Berlin/Paris (MEDI-Report) - Gentechnisch veränderter Rapssamen ist nach Angaben einer britischen Firma versehentlich in Deutschland und anderen EU- Ländern ausgesät worden. "In Deutschland geht es um etwa 400 Hektar", sagte am Donnerstag ein Sprecher der Firma Advanta in Sleaford in der Grafschaft Lincolnshire. "Die anderen betroffenen Länder sind Frankreich, Schweden und Großbritannien." Allerdings sei der Anteil des gentechnisch veränderten Saatgutes mit weniger als einem Prozent "sehr niedrig" und "fast nicht messbar".Der britische Landwirtschaftsminister Nick Brown versicherte im Parlament in London, der Vorfall sei "keine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit oder die Umwelt". Der Rapssamen, um den es gehe, sei "steril". Es sei kaum vorstellbar, dass es zu einer Fremdbestäubung anderer Felder komme. In Großbritannien gehe es insgesamt um etwa 13.700 Hektar und 500 Höfe. Die konservative Opposition griff die Regierung scharf an und forderte eine Untersuchung. Oppositionsführer William Hague erinnerte daran, dass Prinz Charles noch am Mittwoch vor der Unkontrollierbarkeit der Gentechnik gewarnt habe. Jetzt werde er bestätigt. Die Umweltschutzgruppe "Friends of the Earth" sprach von einem "Skandal". Die Regierung habe anscheinend die Kontrolle über den Biosektor verloren. Der Rapssamen war aus Kanada importiert worden. Nachdem die Firma von einem deutschen Labor darauf aufmerksam gemacht worden war, dass ein Teil des Saatgutes gentechnisch verändert war, alarmierte sie nach eigenen Angaben alle ihre Kunden und die Regierungen der jeweiligen Länder. Advanta Seeds UK ist eine Tochtergesellschaft der niederländischen Advanta BV und hat in Großbritannien einen Umsatz von 24 Millionen Pfund (knapp 80 Millionen Mark) jährlich. Bundesbehörden geben Entwarnung bei Gen-Raps Das mit Gen-Raps verunreinigte Saatgut in Baden- Württemberg halten deutsche Behörden indes für relativ unbedenklich. Das Robert Koch-Institut in Berlin verweist auf 32 Freilandexperimente mit Gen-Raps, die seit 1994 in Deutschland genehmigt worden seien. Das verunreinigte Saatgut sei aus Kanada gekommen und sei bundesweit nur nach Baden-Württemberg ausgeliefert worden, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium am Freitag mit. Die 1.350 Kilogramm Saatgut, die zu 0,03 Prozent verunreinigt seien, reichten für rund 300 Hektar Anbaufläche, sagte Sprecherin Ursula Horzetzky Der gentechnisch veränderte Raps war bei einer Routine-Kontrolle im April in Freiburg entdeckt worden. Nach Auskunft der britischen Regierung handelt es sich um Gen-Raps, der gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent ist. Dort wurden wesentlich größere Mengen Gen-Saatgut für etwa 13.700 Hektar entdeckt. Der bereits in Deutschland ausgesäte verunreinigte Raps soll nach Auskunft des Deutschen Bauernverbandes (DBV) nicht in die Nahrungskette gelangen. Der DBV habe den Landwirten bereits empfohlen, die Partien gesondert zu ernten und von den Ölmühlen ausschließlich zu Biodiesel verarbeiten zu lassen, sagte DBV-Referent für Ölsaaten, Hans-Jürgen Bertram, in Bonn. "Im Rapsöl ist dann mit Sicherheit und nach allen bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine transgene Verunreinigung mehr festzustellen." Die normale Rapssorte "Hyola 401" wurde laut Horzetzky von der Firma Petersen in Lundsgaard bei Flensburg gezüchtet und zum Unternehmen Advanta nach Kanada geschifft. Dort sei es auf mehreren Hektar vermehrt und in größeren Mengen per Schiff nach Europa zurückgebracht worden. Dieser Raps werde ohnehin vor allem für Bio- Diesel verwendet. Nach Angaben der niederländischen Mutterfirma ist der Raps-Samen in Kanada durch eine Kreuzbestäubung mit genmanipuliertem Raps einer anderen Firma verunreinigt worden. In Kanada sei die genetische Veränderung von Raps erlaubt und üblich, sagte der Sprecher der Adavanta BV, Kees Noome, am Freitag in Kapelle. Auch in Frankreich, Schweden und Großbritannien waren entsprechende Verunreinigungen entdeckt worden. Unter den bundesweit genehmigten Freilandexperimenten mit Gen- Raps sind nach Auskunft des Robert Koch-Instituts rund 140 Einzelversuche mit Herbizid toleranten Pflanzen. Bei den Genehmigungsverfahren wurde nach Auskunft des Sprechers Günther Dettweiler festgestellt, dass von diesen Rapspflanzen keine Gefährdung ausgeht. Auch Jochen Schiemann von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig hält die Aussaat für unbedenklich, sollte es sich um eine herbizid- resistente Sorte handeln. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministerium ist eine Verunreinigung mit Gen-Raps erst ab einem Prozent zu deklarieren. Deshalb verzichte Baden- Württemberg wohl zu Recht auf weitere Maßnahmen, sagte Sprecherin Horzetzky. Greenpeace sieht dagegen eine Gefährdung vor allem in der Umwelt, weil Raps und verwandte Pflanzen in Europa natürlich vorkommen. Dadurch könne sich Gen-Raps "auskreuzen" und andere Pflanzen ebenfalls befruchten, sagte Greenpeace-Gentechnikexperte Martin Hofstetter in Hamburg. Nach Auffassung des RKI ist eine Auskreuzung der Gene dagegen vor allem ein Problem für den Herbizid-Hersteller. Dann werde sein betreffendes Unkrautvernichtungsmittel wirkungslos, sagte Dettweiler. Es gebe aber noch genügend andere Mittel. Ulrike Höfken von der Bündnis90/Grünen-Bundestagsfraktion forderte dagegen, das Saatgut schnellstmöglich ausfindig zu machen und bereits ausgesäte Partien zu vernichten. Der Raps gelange über die Presskuchen als Futtermittel möglicherweise auch in die Nahrungsmittelkette. Nach Ansicht von Jella Techner, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, könne sich das veränderten Raps-Erbgut auch im Rapshonig wieder finden. "Zwar wird dieser Raps überwiegend zur Erzeugung von Bio-Diesel verwendet. Aber unsere Bienen können beim Sammeln der Pollen keinen Unterschied bei Rapsblüten erkennen." Das Umweltministeriums von Baden-Württemberg hält die Beimengungen von Gen-Raps in der Größenordnung von 0,03 Prozent für Mensch, Tier und Umwelt für völlig ungefährlich. Die Beseitigung des angebauten Rapses wäre nach geltendem Recht völlig unverhältnismäßig gewesen und hätte vor den Verwaltungsgerichten keinen Bestand gehabt, sagte Ministeriums-Sprecher Hans Klöppner. Etwa 80 Prozent der in Deutschland ausgebrachten Raps-Saat kommen aus Nordamerika. Dort wurden nach Auskunft Klöppners im vergangenen Jahr auf mehr als 30 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen wie etwa Raps oder Mais angebaut. Paris leitet Ermittlungen ein wegen genetisch verändertem Saatgut In der Affäre um versehentlich ausgesäten gentechnisch veränderten Rapssamen hat Frankreichs Regierung Ermittlungen eingeleitet. Die für Verbraucherfragen zuständige Staatssekretärin Marylise Lebranchu forderte am Freitag ihr Betrugsdezernat auf, "unverzüglich" damit anzufangen. Es gehe vor allem um die Frage, wie viel gentechnisch verändertes Saatgut ins Land gebracht wurde, um seine potenzielle Gefährlichkeit sowie die betroffenen Anbauflächen, heißt es in einer Erklärung. Nach Angaben des britischen Unternehmens Advanta Seeds sind in Frankreich rund 600 Hektar Anbaufläche betroffen. Allerdings sei weniger als ein Prozent davon unter das klassische Saatgut gemischt. Während das Landwirtschaftsministerium in Paris den Schaden als gering erachtet, halten Frankreichs Umweltministerium, die an der Regierung beteiligten Grünen sowie die Umwelt-Organisation Greenpeace eine Zerstörung des ausgesäten Gen-Rapses für notwendig. © 2000 dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |