N A C H R I C H T E N

20.05.2000

Ein Jahr nach Dioxinskandal in Belgien wieder Gift in Tierfutter: "Die Verantwortung liegt bei allen. Das ganze System hat versagt"

Brüssel (Jörg Berendsmeier) - Wird Belgien nach dem Dioxinskandal vom vergangenen Jahr jetzt eine neue Lebensmittelkrise erleben? Damals gab es Szenen wie zu Zeiten des Kommunismus in Osteuropa: Wo Hühnchen, Eier oder Aufschnitt liegen sollten, klafften riesige Lücken in den Regalen. In den Keks- und Kuchenabteilungen herrschte gähnende Leere. So sah es zeitweilig in allen belgischen Supermärkten aus, nachdem die Regierung in Brüssel am 28. Mai 1999 angeordnet hatte, Geflügel und Eier aus heimischer Produktion vom Markt zu nehmen.

Vor einem Jahr war zunächst in Hühnerfarmen Futter entdeckt worden, das mit Dioxin verseucht war. Jetzt fand man Krebs erregendes PCB in den Produkten eines wallonischen Futtermittelherstellers, die an mehr als 200 Bauernhöfe ausgeliefert wurden. Die Dimension des neuen Falles war am Samstag noch nicht absehbar. Vor einem Jahr entwickelte sich aus den Vorkommnissen einer der größten Lebensmittelskandale in Europa.

Die Dioxinkrise ist noch nicht beendet, auch wenn mittlerweile alle Exportbeschränkungen gegen belgische Lebensmittelprodukte aufgehoben worden sind. Denn 28.000 belgische Bauern warten auf Entschädigungen für die massenweise Vernichtung ihrer Produkte. Den Gesamtschaden schätzt Landwirtschaftsminister Jaak Gabriels auf 6,6 Milliarden belgische Franc (330 Millionen Mark).

Angefangen hatte der wirtschaftlich und politischen folgenreiche Skandal im Februar 1999, als in einigen Betrieben die Hühner weniger Eier legten als gewöhnlich, in größerer Zahl starben und die Küken später schlüpften. Im März tauchte ein erster Dioxin-Verdacht auf, der Wochen später durch Laboruntersuchungen bestätigt wurde.

Viel zu spät wurde die Öffentlichkeit informiert: Potenziell verseuchtes Fleisch und Eier gelangten wochenlang ohne Warnung auf den Tisch der Verbraucher. Wie sich später herausstellte, war die Ursache mit Dioxin verunreinigtes Fett, das dem Tierfutter beigemengt worden war. Zwei Fettschmelzen im wallonischen Teil Belgiens hatte es aus Transformatorenöl, Frittierfett sowie Schlachtabfällen gewonnen. Das Dioxin-Futter war an Tausende von Hühnerfarmen, Schweinemäster oder Rinderzüchter verkauft worden.

Wegen ihrer verheerenden Informationspolitik mussten dann auch kurz vor den belgischen Parlamentswahlen im Juni die Minister für Landwirtschaft und Gesundheit, Karel Pinxten und Marcel Colla, zurücktreten. Das half der damaligen großen Koalition aus Christdemokraten und Sozialisten unter Jean-Luc Dehaene jedoch nicht mehr. Die Regierung wurde abgewählt.

Derweil mussten auf Weisung der EU-Behörden Fleisch und alle Lebensmittel, die einen Fettgehalt von mehr als zwei Prozent aufwiesen, vor dem Export auf Dioxin getestet werden. Dazu gehörten Hunderte von Lebensmitteln. Die belgische Ausfuhr brach zeitweilig fast vollständig zusammen, weil die Untersuchungslabors mit den Analysen nicht nachkamen.

Die neue Regenbogenkoalition aus Liberalen, Sozialisten und Grünen unter Guy Verhofstadt versprach Besserung. Eine zentrale Lebensmittelbehörde wurde geschaffen, die im aktuellen Fall offenbar schnell reagierte. Außerdem wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission zum Dioxinskandal eingesetzt, die in ihrem Abschlussbericht im März zu dem Ergebnis kam: "Die Verantwortung liegt bei allen. Das ganze System hat versagt." Zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

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