N A C H R I C H T E N

17.05.2000

Privatkliniken als neue Front im "Gesundheits-Krieg" - Gesundheitsbudget made in Canada

Ottawa (Tilman Streif) - Die medizinische Versorgung in staatlichen Krankenhäusern wird aus Steuergeldern finanziert - so halten es die Kanadier seit Jahrzehnten. Aber neue Gesetze einer einzelnen Provinz führen jetzt das für Kanada revolutionäre Konzept privater Kliniken ein. Und so wurde eine neue Front in einem langjährigen Streit eröffnet, den kanadische Tageszeitungen den "Gesundheits-Krieg" nennen.

Die 30 Millionen Bürger des Landes werden seit den sechziger Jahren mit Staatsgeldern gesund gepflegt. Ärzte erhalten ihre Honorare von den Gesundheitsministerien der einzelnen Provinzen. Ihre Patienten müssen, je nach Region, oft noch nicht einmal für Zahnersatz, Brillen oder Medikamente bezahlen.

Aber in den vergangenen zehn Jahren stellte Ottawa immer weniger Geld für das nationale Gesundheitssystem zur Verfügung. Das führte zu großen Versorgungsengpässen, und die Provinz Alberta versucht nun, einen Weg aus dieser Misere zu finden. In Alberta sollen in Zukunft private Kliniken die Patienten annehmen, die von hoffnungslos überfüllten Staatskrankenhäusern auf lange Wartelisten gesetzt wurden.

Die allgemeinen Kürzungen im Gesundheitsbudget führten in den vergangenen Jahren zu einem besonders offensichtlichen Missstand im kanadischen System: dem chronischen Mangel an Krankenhausbetten. Fast ein Drittel wurden seit 1990 gestrichen. Viele Hospitäler müssen ihren Patienten deshalb selbst bei dringenden Operationen teilweise monatelange Wartezeiten zumuten.

Diese Situation versucht Alberta nun mit den Lizenzen für Privatkliniken zu verbessern. Allerdings zog sich die Provinz damit sowohl den Unmut Ottawas als auch vieler Befürworter des bestehenden Systems zu. Die kanadische Regierung ist empört darüber, dass Alberta die Privatkliniken mit Geldern aus dem staatlichen Gesundheitsfonds bezahlen will. Umfragen ergaben zudem, dass eine Mehrheit der Bürger Albertas in dem neuen Plan eine Unterhöhlung des staatlichen Gesundheitswesens sieht.

Trotz regelmäßiger Streiks von Klinikpersonal und obwohl die talentiertesten Ärzte Kanada verlassen, um in den USA mehr Geld zu verdienen, wollen die Kanadier an ihrem staatlichen System festhalten. Vor dem Parlamentsgebäude Albertas in der Provinzhauptstadt Edmonton versammelten sich deshalb wütende Demonstranten. Während der entscheidenden Abstimmung zu Gunsten der Privatkliniken zeigten sie Plakate mit Slogans wie "Unsere Gesundheit steht nicht zum Verkauf".

Was allerdings sowohl die Befürworter als auch die Gegner des unterfinanzierten staatlichen Gesundheitswesens aufbrachte, war Ottawas Reaktion auf den Alleingang der Provinz. Diese soll nun aus der Hauptstadt überwacht und bei einer Verletzung von Bundesgesetzen verklagt werden. Der kanadische Gesundheitsminister Allan Rock fand zur alljährlichen Finanzierung dieser ständigen Kontrolle in seinen fast leeren Kassen immerhin noch vier Millionen kanadische Dollar (5,8 Millionen Mark).

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