N A C H R I C H T E N

30.04.2000

"Washington Post": Aids erstmals Sicherheitsrisiko für USA

Washington (MEDI-Report) - Die US-Regierung befürchtet eine derart katastrophale Ausbreitung von Aids weltweit, dass sie die Immunschwächekrankheit zum nationalen Sicherheitsrisiko erklärt hat. Das berichtete die "Washington Post" am Sonntag und sprach in diesem Zusammenhang von einem bisher einzigartigen Schritt.

Dem Blatt zufolge ist die Regierung besorgt, dass die Epidemie so starke Ausmaße erreicht, dass sie zum Sturz von Regierungen, zu ethnischen Konflikten und zur Schwächung von Demokratien mit freien Märkten führen könnte. Erstmals sei daher der Nationale Sicherheitsrat der USA in den Kampf gegen die Seuche eingeschaltet und zu einer "dringlichen" Überprüfung der amerikanischen Beiträge zur Aids-Bekämpfung beauftragt worden. Die Besorgnis der Regierung spiegele sich auch im Antrag an den Kongress wider, die Haushaltsausgaben für den Kampf gegen die Krankheit in Übersee auf 254 Millionen Dollar zu verdoppeln.

Der "Washington Post" zufolge wurde in einem geheimdienstlichen Bericht vom Januar voraus gesagt, dass ein Viertel der Bevölkerung im südlichen Afrika an der Seuche sterben wird. Auch Südasien und Staaten der früheren Sowjetunion seien auf "Katastrophenkurs".

Bereits am 10.01.2000 hatte sich auch der Weltsicherheitsrat in seiner ersten Sitzung im neuen Jahrtausend der Aidskrise Afrikas gewidmet. Es war das erste Mal in der Geschichte des höchsten UN-Gremiums, dass es ein Gesundheitsthema aufgegriffen hat.

Der amerikanische Vizepräsident Al Gore hatte in seiner Eröffnungsrede darauf verwiesen, dass Aids im 21. Jahrhundert mehr Menschen töten dürfte als alle Kriege des 20. Jahrhunderts. Weltweit infizierten sich jede Minute elf Menschen mit dem Aids-Erreger HIV. Zehn dieser Infizierten lebten in den Ländern Afrikas südlich der Sahara, sagte Gore.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte auf dieser Sitzung des Weltsicherheitsrates erklärt, dass Aids in Süd- und Ostafrika zu "einer Bedrohung für die wirtschaftliche, soziale und politische Stabilität" geworden sei. Laut Gore ist die Epidemie dort längst nicht mehr nur eine humanitäre Katastrophe, sondern schon eine Bedrohung des Friedens und der Sicherheit.

Die Krankheit richte das Gesundheitssystem des Kontinents zu Grunde, schaffe Millionen von Waisen, dezimiere die Zahl der Helfer im Schul- und Gesundheitswesen und lasse auch dadurch soziale Unruhen befürchten.

Dem gegenüber stagniere in Deutschland das Schutzverhalten vor Aids, erklärte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am 27.03.2000. Beim Schutz zur Vermeidung von Aids-Infektionen werden die Deutschen zwar nicht nachlässiger, aber auch nicht vorsichtiger: Nach vorläufigen Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage steigt die Zahl der Menschen, die sich mit Kondomen schützen, seit 1996 nicht weiter an.

Entsprechend wird der Anteil der mit dem Virus infizierten Frauen nach Angaben von Jens Eichenauer vom Bundesvorstand der schwulen und lesbischen Sozialdemokraten immer größer. "Die Prävention ist bei Prostituierten ist noch nicht weit fortgeschritten, zumal viele Freier mehr Geld für Sex ohne Kondom bieten", sagte Eichenauer am Rande des Schwuso- Bundestreffens am 15.04.2000 in Stuttgart. Unter den Infizierten befänden sich auch immer mehr Ehefrauen; in vielen Fällen seien sie von ihren Männer nach Sex-Reisen in afrikanische und asiatische Länder mit steigenden Aids-Raten angesteckt worden. "Es ist nicht mehr nur die Schwulen-Szene, sondern die gesamte Gesellschaft betroffen", betonte Eichenauer. Nach Eichenauers Worten beträgt der Anteil von durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr infizierten Frauen bereits 25 Prozent. Ein weiteres Viertel entfalle auf homo- und bisexuelle Frauen und Männer; ebenfalls je 25 Prozent seien durch Drogenabhängigkeit sowie durch Blutkonserven infiziert.

© dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de