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29.04.2000 45 Minuten unter Wasser: Uralter Reflex rettete offenbar DreijährigeHeilbronn (dpa) - Eine relativ niedrige Wassertemperatur von zehn Grad Celsius und ein uralter Reflex haben der kleinen Kathrin offenbar das Leben gerettet. Die Dreijährige war am 10. April mit ihrem Kinderwagen in Heilbronn in den Neckar gefallen und erst nach 45 Minuten unter Wasser gerettet worden. Dass sie inzwischen außer Lebensgefahr ist, wieder selbstständig atmet und auf Umwelteindrücke reagiert, grenzt für den Chefarzt der Kinderklinik in Heilbronn, Prof. Walter Kachel, an ein "Wunder": "Wenn man sie anspricht, macht sie die Augen auf", sagte Kachel in einem dpa-Gespräch.
Bei der kleinen Kathrin "besteht durchaus die Hoffnung, dass sie wieder ganz gesund wird", glaubt Kachel. Demnächst soll sie von der Intensivstation in die Rehabilitationsstation verlegt werden. Der Chefarzt nennt mehrere mögliche Gründe, warum das Mädchen den Unfall überlebte: Das Gehirn arbeite auch dann auf verminderter Stufe weiter, wenn wenig Sauerstoff zur Verfügung stehe. Eine niedrige Wassertemperatur könne die Überlebenschancen nach einem Sturz ins Wasser erhöhen, sagte Kachel. Denn bei einem Absinken der Temperatur um nur ein Grad gehe die Stoffwechselaktivität des Körpers um bis zu acht Prozent zurück - "die Organe brauchen weniger Sauerstoff". Es bleibe dadurch mehr für das Gehirn übrig.
Darüber hinaus hätten rund 15 Prozent aller Menschen einen weiteren Schutz: den Tauchreflex. "Ein Relikt aus der amphibischen Vergangenheit des Menschen", sagte Kachel. Nach der Evolutionslehre von Charles Darwin (1809-1882) komme schließlich alles Leben aus dem Wasser. Das Voll-Laufen der Lunge werde verhindert, wenn sich der Kehldeckel wie beim Schlucken verschließe. "Wenn man schluckt, verschließt sich der Kehldeckel, sonst würde der Tee, den man trinkt, in die Lunge oder sonst wohin fließen", erklärte Kachel. Derselbe Reflex könne beim Untertauchen ein Voll-Laufen der Lunge verhindern.
Dass dennoch immer wieder kleine Kinder beim Sturz in einen Gartenteich oder in eine Pfütze schwere Gehirnschäden erleiden, erklärt der Professor so: In diesen Fällen kühle der Körper nicht sofort und rasch ab. Weil der Körper und die Organe deshalb mehr Sauerstoff brauchten, wirke sich der eintretende Mangel gravierender auf das Gehirn aus.
Nach Angaben Kachels sind Fälle wie der von Kathrin sehr selten. Ihm seien Beispiele bekannt, in denen Menschen bis zu 60 Minuten ohne Sauerstoffzufuhr unter Wasser waren und trotzdem unbeschadet überlebten. Allerdings habe die Wassertemperatur in diesen Fällen meist um die fünf Grad betragen.
Kathrin war in ihrem Kinderwagen in den zehn Grad kalten Neckar in Heilbronn gerollt. Ihre 57-jährige Großmutter hatte versucht, sie zu retten, obwohl sie nicht schwimmen konnte. Dabei erlitt die Großmutter so schwere Verletzungen, dass sie wenige Tage nach dem Unfall im Krankenhaus starb. Auslöser des Unglücks war der Hund der Familie. Beim Spaziergang am Ufer hatte er plötzlich an der Leine in eine andere Richtung gezogen und die Großmutter hatte den Kinderwagen losgelassen.
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