N A C H R I C H T E N

27.04.2000

Akupunktur der Moderne: Nadeln im Ohr sollen Start in drogenfreies Leben erleichtern

Stuttgart (Doris Trapmann) - Die 46 Jahre alte Silvia aus der Umgebung von Stuttgart griff jahrlang zu Flasche. Akupunktur hat ihr dabei geholfen, vom Alkohol wegzukommen, erzählte sie am Donnerstag in Stuttgart: Die Nadeln in ihren Ohren hinterließen ein "tolles Gefühl" - ein Gefühl, das auch lange nach der Sitzung anhält. Andere Ex-Süchtige beschreiben die Nadeln als entspannend. Schlafstörungen seien wie weggeblasen, eine innere Ruhe stelle sich ein. Suchtexperten der Diakonie im Südwesten sind sich sicher: Ob Alkohol, Heroin oder Kokain - die Nadeln im Ohr helfen den Süchtigen dabei, ein drogenfreies Leben zu starten.

Dass die Akupunktur Einzug in die Suchttherapie gehalten hat, ist auch dem Diakonischen Werk zu verdanken. Denn die Diakonie spielte Pionier: Seit Mitte der 90er Jahre macht sie sich für diesen "Baustein" in der Therapie stark, der in den USA längst zum Standard gehört. Inzwischen wird Akupunktur auch in vielen deutschen Drogeneinrichtungen eingesetzt.

Für Henry von Bose, Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Württemberg, liegen die Vorteile der Suchtakupunktur auf der Hand: Sie sei billig und habe keine Nebenwirkungen. Bei der körperlichen Entgiftung könne Akupunktur dazu dienen, die Entzugssymptome zu lindern - wie Unruhe oder Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder depressive Stimmungen. Der Patient kommt deshalb mit weit weniger Medikamenten aus, als wenn er nicht "genadelt" worden wäre.

Das ist aber noch nicht alles: Mit Hilfe der Akupunktur könne ein Teil der Süchtigen, die ihren Körper bisher im Krankenhaus entgifteten, nun ambulant versorgt werden. Damit würde auch erreicht, dass Suchtmedizin und Suchttherapie nicht mehr so strikt getrennt werden wie bisher. Diese Trennung zwischen Entgiftung im Krankenhaus und Therapie in Beratungsstellen ist nach den Worten von Boses "für die Behandlung kontraproduktiv".

Dennoch wird es auch in Zukunft Kliniken geben müssen, in denen Süchtige ihren Körper entgiften. Der Grund: Nicht alle Abhängigen scheinen für die ambulante Therapie geeignet. Bei einigen schlägt auch die Suchtakupunktur nicht an. Die 46-jährige Silvia zum Beispiel weiß von Abhängigen in ihrer Gruppe, die schlicht bilanzieren: "Das bringt mir nichts." Dem 25 Jahre alte Walter dagegen, dem bereits während der Entgiftung die fünf Nadeln ins Ohr gepiekst worden waren, hat nach eigenen Angaben die Akupunktur "gut getan": "Ich war richtig ruhig und konnte entspannen."

Für die Suchtexperten der Diakonie ist Akupunktur kein Königsweg schlechthin: "So vielfältig und individuell persönliche Wege in die Sucht führen, so vielfältig und individuell muss auch unser Hilfesystem Angebote zur Verfügung stellen", betont von Bose. Auch wenn Akupunktur nicht bei allen Süchtigen gleich gut wirkt - nach Angaben der Diakonie Württemberg bleiben bei einer Gruppe, bei der Akupunktur angewandt wurde, doppelt so viele "clean" als bei Vergleichsgruppen, bei denen nicht genadelt wurde.

Dass die Akupunktur bei den Betroffenen gut ankommt, dafür jedenfalls gibt es für Magdalena Schienle von der Suchtklinik für junge Leute in Schorndorf jede Menge Indizien: So muss die Medizinerin nicht für das Angebot werben, "das wird durch Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Süchtigen erledigt". Zudem räumten die Teilnehmer nach einer Akupunktur-Sitzung regelmäßig die Räume auf. Das wichtigste aber: Die Männer und Frauen erscheinen pünktlich zur Sitzung. Für Menschen mit Suchtproblemen "ist das keine Selbstverständlichkeit", weiß Schienle.

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