N A C H R I C H T E N

27.04.2000

Röntgenbilder und Räucherstäbchen: Das größte Krankenhaus Chinas

Tianjin (Norbert Schnorbach) - Im größten chinesischen Krankenhaus riecht es nach Desinfektionsmitteln und Räucherstäbchen. Mehr als 1.200 Ärzte arbeiten im zentralen Krankenhaus der Industriestadt Tianjin südlich von Peking. Über eine Million Patienten im Jahr werden hier behandelt - je nach Bedarf mit westlicher Medizin oder mit traditioneller chinesischer Heilkunst. Akupunktur und Moxa-Kräuter, Tuina-Massage und alte Heilkräuterrezepturen gehören ebenso zum Klinik-Alltag wie Operationssäle, Röntgenbilder und Antibiotika.

Als Alternative zur hoch technisierten Apparatemedizin findet die ärztliche Heilkunst aus dem Fernen Osten in Europa zunehmend Anerkennung, auch wenn sie nach Meinung von hartnäckigen Lobbyisten der Schulmedizin noch nicht genügend wissenschaftlich erforscht ist. In China dagegen sind Akupunktur und Akupressur, traditionelle Heilpflanzenkunde und meditative Übungen wie Tai-Chi und Qi-Gong seit langer Zeit erprobt und millionenfach bewährt. "Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat eine Geschichte von 3.000 Jahren, aber die moderne westliche Medizin ist gerade erst 150 Jahre alt", betont Professor Shi Xuemin, Präsident des Krankenhauses in Tianjin, der als Akupunktur-Experte auch schon in Deutschland gearbeitet hat.

"Bei uns ergänzen sich westliche und östliche Medizin", sagt der Sprecher des Krankenhauses, Fu De Chao. "Bei akuten Notfällen wie etwa einem Herzinfarkt oder Schlaganfall ist die westliche Medizin effizient und notwendig. Bei chronischen Krankheiten, bei Schmerzen und vor allem auch bei der Gesundheitsvorsorge kann die Traditionelle Chinesische Medizin viel bewirken und nachhaltig helfen."

In den Warte- und Behandlungszimmern für ambulante Patienten herrscht fast immer Hochbetrieb. In großen Sälen mit schlichter Möblierung sind meist mehrere Ärzte gleichzeitig dabei, neue Patienten zu befragen und nach chinesischer Art an beiden Armen zugleich den Puls zu fühlen. Akupunktur-Patienten warten, bis sie an der Reihe sind. Andere haben schon Serien von Nadeln auf dem Rücken, den Armen oder Beinen, die in die Körperreizpunkte gesteckt werden und bis zu 30 Minuten einwirken sollen. Zuweilen wenden die Ärzte auch "heiße" Akupunktur (Moxibustion) an, wobei Moxa-Kräuterstäbchen auf den Nadeln abbrennen und die Haut leicht erwärmen.

Außerdem werden viele Infusionen und Getränke verwendet, die aus abgekochten Heilkräutern gewonnen werden. Im Keller des Hospitals gibt es eine Infusionsküche, wo in Dutzenden von Kochtöpfen Kräutersud köchelt und anschließend in Infusionsbeutel abgefüllt wird. Die Kräuterrezepte werden in der Krankenhaus-Apotheke zusammengestellt. Dort lagern in hölzernen Schubfächern Hunderte von getrockneten Kräutern und Heilpflanzen.

"Ein guter Arzt soll für die Patienten sein wie der Frühlingsregen nach langer Trockenheit", erinnert ein Wandspruch im Tianjin-Hospital die Patienten und Besucher an die klassischen Traditionen der chinesischen Medizin. Die 3000-jährigen Erfahrungen mit Akupunktur und Heilpflanzenkunde werden heute durch moderne Forschungsprogramme weiterentwickelt und ergänzt. In Tianjin werden Medizinstudenten in fünfjährigen Studiengängen zu Akupunkturspezialisten ausgebildet. Allein in der Akupunkturabteilung der Großklinik in Tianjin arbeiten etwa 100 Ärzte. Hier ist gegenwärtig das größte Akupunkturforschungsprogramm in ganz China angesiedelt, als Teil der anerkannten TCM-Universität. Auch zahlreiche Ärzte und Studenten aus dem Ausland arbeiten hier, um sich fundierte Kenntnisse der chinesischen Medizin anzueignen.

Die westliche Medizin mit ihren technischen Fortschritten wird ins chinesische Gesundheitswesen integriert, sofern sie bezahlbar ist. Sie ist aber aus der Sicht von TCM-Ärzten eine einseitige Spezialisierung, weil sie das umfassendere Verständnis der menschlichen Natur vernachlässigt. Für die Gesundheit des Menschen, so die Sicht chinesischer Ärzte, spielt die Lebenskraft (Qi) eine wichtige Rolle. Ist sie in ausreichendem Maße vorhanden und kann sie ungestört in den Meridianen des Körpers zirkulieren, ist der Mensch gesund. Wird sie gestört, entstehen Krankheiten.

Das gezielte Stimulieren spezieller Reizpunkte durch Nadeln (Akupunktur), durch Massage oder Druck (Akupressur) sowie Meditation und regelmäßige Übungen (Tai-Chi oder Qi-Gong) können die Lebenskraft wieder herstellen und kräftigen. Dass es dabei auch auf ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ankommt, bekräftigt ein anderer Wandspruch im Tianjin-Hospital: "Medizin ist dann gut, wenn der Arzt ein warmes Herz für die Patienten hat."

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