N A C H R I C H T E N 26.04.2000 Weiter Streit um "Erfolgshonorare" für Ärzte und Kassenwettbewerb - Versicherte stimmen mit den Füßen abBerlin (MEDI-Report) - Die umstrittenen "Erfolgshonorare" für Ärzte und der Streit zwischen Großkassen und billigeren Betriebskrankenkassen (BKK) sorgen weiter für Wirbel. Zugleich warnte nach den Arbeitgebern auch die Barmer Ersatzkasse am Mittwoch vor einem Anstieg der Kassenbeiträge von heute 13,6 Prozent auf mindestens 22 Prozent im Jahr 2030.Im Streit um ergebnisabhängige Ärztehonorare plädierten Politiker, Krankenkassen und Ärzte am Mittwoch im Grundsatz dafür, die medizinische Qualität und damit auch die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Dafür soll es auch Anreize im Honorarsystem geben. Im Gespräch ist, dass Ärzte, die ihre Patienten nach modernen Standards behandeln oder im Durchschnitt medizinisch empfohlene Werte etwa bei Diabetikern erreichen, besser bezahlt werden. Echte "Erfolgshonorare" für Ärzte stoßen dagegen auf breite Ablehnung. Nicht nur Ärzteverbände, auch Krankenkassen, SPD, Union und FDP lehnten es strikt ab, Honorare danach zu bemessen, wie gesund ein einzelner Patient nach der Behandlung ist. Niemand denke daran, Ärzte, die chronisch Kranke oder Schwerkranke ohne Heilungschancen behandeln, durch Honorareinbußen zu bestrafen, sagte auch der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Bundestags, Klaus Kirschner (SPD). Wie die Kassen plädierte er aber dafür, Ärzte mit guten Behandlungsergebnissen besser zu honorieren. Derweil heizte die Barmer Ersatzkasse mit neuen Vorwürfen den Streit zwischen den Großkassen und den billigeren BKK wieder an. Barmer-Chef Eckart Fiedler forderte Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) auf, noch in diesem Jahr ein Vorschaltgesetz zu erlassen, um ein "Ausbluten" der Großkassen zu verhindern. Zugleich warf Fiedler den BKK vor, "Jagd auf Gesunde" zu machen. Die Ersatz- und Ortskrankenkassen verlieren zusehends Mitglieder an die BKK. Konkret verlangte Fiedler den Finanzausgleich zwischen "starken" und "schwachen" Kassen so zu ändern, dass Kassen mit vielen gesunden Versicherten mehr zahlen müssen als bisher. Das Gesundheitsministerium und die SPD-Gesundheitspolitikerin Schaich- Walch lehnten "Schnellschüsse" erneut ab. Der Finanzausgleich sei höchst kompliziert. Deshalb wolle man ein Expertengutachten dazu abwarten. Schaich-Walch wandte sich auch gegen die Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), den 50 Millionen Kassenmitgliedern vorerst den Kassenwechsel zu verbieten. Nach Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte auch Fiedler vor einem Anstieg der Beitragssätze auf 22 Prozent oder mehr bis 2030. Er halte eine solches Szenario für realistisch, sagte Fiedler. Die demographische Entwicklung werde nicht nur die Renten-, sondern auch die Krankenkassen schwer belasten. Die heftige Diskussion um das Gesundheitswesen der Zukunft macht den freiwilligen Mitgliedern der gesetzlichen Krankenkassen klar, was Prognosen seit Jahren vorhersagen: Die Schere zwischen der gesetzlichen Krankenkassen und den privaten Krankenversicherungen wird zugunsten der privaten immer größer. Wer wechseln kann, wird zunehmend weniger Gründe finden, in einem System zu bleiben, dessen "Solidarprinzip" allein durch die demografische Entwicklung unverkennbar ausgehöhlt wird. Und auch Pflichtversicherte werden sich noch häufiger als bisher überlegen, ob ein Wechsel von einer teuren zu einer günstigeren Krankenkasse nicht eine Ersparnis im Gegenwert von zwei Urlaubswochen bringt, die der Gesundheit dienlicher sind. Die Kassenmitglieder dürfen seit 1996 ihre Kasse wechseln. Hauptverlierer sind die AOK. Nach anfänglich leichten Zuwächsen verlieren aber auch die Ersatzkassen zusehends Mitglieder. Dagegen haben die kleinen, meist preiswerteren BKK zugelegt. Obwohl jeder wechseln darf, nutzen bisher eher Junge und Gesunde dieses Recht. Dennoch haben die Ersatzkassen im Durchschnitt noch weniger Rentner als BKK und AOK. Die geöffneten BKK haben einen Rentneranteil von knapp 24,9 Prozent und die AOK von rund 39 Prozent. Der Rentneranteil bei den Angestellten-Ersatzkassen liegt bei nur 19,8 Prozent. Die Barmer Ersatzkasse selbst hat mit 37 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Rentneranteil. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de |